Ich gestehe: Schon wenige Wochen nachdem ich ein Buch gelesen habe, kann ich mich an den Inhalt kaum mehr erinnern. Für den Moment aber bin ich komplett drin, lerne die Regeln, schaue, wie es gemacht ist, lektoriere im Kopf, leide mit Figuren oder ärgere mich über Konflikte. Auch Namen von Menschen sickern erst nach und nach in mein Hirn ein, es braucht drei Begegnungen, bis sie sich einschreiben.
Ich kann nur ein modernes Gedicht aufsagen, Mayröckers was brauchst du. Peinlich für eine Dichterin, aber ich gestehe. Und dann ist da noch die Stelle mit der Wurzel aus Sartres Ekel, sie beschäftigt mich immer wieder, seit ich mit Zwanzig auf sie gestoßen bin. Darin hat der Ich-Erzähler (wie auch immer sein Name sein mag) ein Erlebnis mit der knotigen Wurzel einer Kastanie. Er begreift, dass sie nicht schwarz ist, dass sie gar nicht schwarz sein kann, er begreift, dass ihre gesamte Existenz in der Welt nahezu obszön ist. Die Farbe, das Wort trennt sich in diesem Moment von dem Objekt ab, das Objekt von seinem Namen. Seit ich das las, will ich verstehen, wie diese Ablösung funktioniert. Diese Obszönität, die vielleicht verstehbar ist, doch nur selten zu fühlen.
Hier ist mein neues Indiz auf dem Weg zur Lösung: Der Bereich zwischen Wort und Objekt ist nur wenige Mikrometer groß, groß wie ein Bakterium, das fast zwanzig Jahre an der Wurzel meines Backenzahns schwelte.
Der Arzt teilte mir natürlich ganz behutsam mit, dass mein Zahn nicht mehr zu retten sei, natürlich müsse das ein Schock sein. Aber durch mich schoss sofort Adrenalin, tarnte sich als Euphorie: Na dann gleich raus damit, okay! Nehmen wir eine Brechzange oder hauen Sie einfach zu? Toll, eine Zahnmaus für meinen Zahn, die kommt neben die meiner Katzen!
Die Aussicht vom Schriftstellerhaus geht auf ein Hochhaus mit einer Bierwerbung und der Aufforderung die media! hinaus, und auf das Zahnservice Center. Ich schaue direkt auf drei übereinanderliegende Pausenbalkone. Der obere ist der Jungs-Balkon, ein nur selten bespieltes Kammerspiel mit einer einzelnen medizinischen Maske am Netz. Die beiden Balkone darunter gehören den Mädchen des Zahn Centers.
Dort wird ausschließlich gevapt, Kiwi-Kirsch, Maracuja, höchstens Iqos, und in regelmäßigen Abständen klingt glockenhelles Kichern durch mein offenes Fenster. Jeder Tag ist High School. Natürlich sind sie alle erwachsene Frauen, ich nenne sie trotzdem meine Mädchen, weil ich mir ihre Leben wie eine Mischung aus Gossip Girl, Sex and the City und Girls fantasiere, und weil ich auf sie warte.
In der gelben Maus ruhen nun zwei Stücke, die einmal mein rechter unterer Molar gewesen sind. Es noch sind. Oder nur Kalziumphosphat. Etwas von meinem Körper und auch nicht. Die Lücke im Gebiss tut nicht mehr weh, die Zunge stößt nur immer wieder irritiert dagegen. Der Zahn davor aber zieht durchgängig, seit sein Partner weg ist. Wohin zieht es ihn? Hat er auch ein mikroskopisches Problem? Stelle ich mich an? Hat er vielleicht Liebeskummer?
Oft war ich kurz davor, ins Zahn Center zu gehen. Irgendetwas hielt mich immer davon ab. Die Website, zu glossy, die merkwürdigen Katzennetze vor den Balkonen, als hätte man Angst, dass die Mädchen springen könnten, die Befürchtung, dass ich um etwas trauere, das mir nicht gut getan hat, und dessen Phantomschmerz ich durchstehen sollte. Und vielleicht das Lachen der Mädchen, mein Neid nach ihrer Gemeinschaft.
In Deutschland ist es prinzipiell auf dringlichen Wunsch hin möglich, amputierte Gliedmaßen bestatten zu lassen, lese ich. Eine Zahnziehung ist keine Amputation, aber die Vorstellung, dass er weiter in der Welt existiert, wenn ich nicht mehr da bin, bringt mich durcheinander, ich weiß nur nicht, ob seinetwegen oder meinetwegen.
Das Gefühl seiner Lücke kann ich nicht mit der Zunge erspüren, obwohl sie lupenähnlich alles siebenfach vergrößert. Ich habe kein Wort für das was fehlt, nicht für das, was einmal dort gewesen ist. Ich weiß nicht einmal, ob ich einen Ersatz will. Ob ich einen brauche.
Das weiß ich ja eigentlich schon, sage es laut in das Lachen der Mädchen:
was brauchst du? einen Baum ein Haus zu
ermessen wie groß wie klein das Leben als Mensch


