Kanalstraße 4 - Das Stipendiatenblog des Stuttgarter Schriftstellerhauses

Wenn du ankommst im „Häusle“, liegt vor dir ein ganzer Berg von Tagen. Zuerst zögerlich noch, dann immer freudiger, näherst du dich der Stadt, den Schwaben und all den anderen in dieser kosmopolitischen Stadt.

— Vera Bischitzky, Stipendiatin 2003

16. Juni 2018

Bei den vielen Lesungen und Gesprächen hier im Haus sowie dadurch, dass ich vielen Leuten mein Exposé und auch den Roman geschickt habe, um beides zu verbessern, ist mir eine Erkenntnis gekommen: Man braucht andere, um sich zu verbessern, das ist bekannt; andere glätten und schleifen Geschichten und Sprache aber auch so lange, bis sie glatt wie Fotomodelle sind und jede Individualität verloren haben. Mir ist das beim Exposé aufgefallen, das ich so lange habe verbessern lassen, bis es auf jeden Roman hätte passen können. Und bei Textauszügen wurde die Sprache so glatt und fein normiert, dass sie nicht mehr auf die schmutzigen und kantigen Figuren passte. Auf Individualität und Originalität ist also aufzupassen, Mitmenschen neigen dazu, sie zu glätten und zu schleifen. Auf der anderen Seite gilt es achtzuhaben, dass Mitmenschen noch mit einem leben können. Zwischen Gefallsucht und Dissozialität liegt der Mittelweg. Merkt ihr, mit den letzten beiden Sätzen bin ich ebenfalls so allgemein geworden, dass jeder nur nicken braucht. Dann aber ist die Grenze überschritten, jenseits werden Sätze unnötig, wir können das Reden und Schreiben einstellen.

14. Juni 2018

Gestern hatte ich einen ausnehmend angenehmen Abend im Kreis der Schreibgruppe Band 2. Cooler Name, was? Die Gruppe zieht offenbar viele Teilnehmer*innen an, es saßen mindestens 20 im Raum. Zuerst ging es um deren nächste Lesungen, das lief ähnlich ab wie bei den ‘Bochumer Literaten’. Es folgte meine Lesung und ein langes Gespräch. Eine Teilnehmerin schenkte der Moderatorin und mir je einen Kräuterstrauß. Der sieht jetzt schön aus auf dem dunklen, ovalen Holztisch und wird bei jedem Vorbeigehen angeknabbert. Einige Blätter landeten heute Mittag auf Gurkensalat und Fisch. Weiterlesen »

10. Juni 2018

Ich schlendere durchs Bohnenviertel, höre Musik und folge ihr. In einem Hinterhof unter einem Torbogen steht eine Bühne. Darauf spielen The Sixteens und stellen ihre CD Behind Our Eyes vor. Das macht gute Laune, falls noch keine da ist.

Gestern zwölf Stunden lang Ludwigsburg und »Blühendes Barock« entdeckt. Was nach blödem Werbeslogan klingt, entpuppt sich als wörtlich zu nehmen. Abwechselnd perfekt gepflegte, bunte Parkanlagen, blühende Lindenbäume, denen auch mal ein Ast beim Sturm abbrechen darf, ohne dass der Förster schon im Voraus in Form schneiden muss. Darunter Damwild, Kleiber, Buchfinken, Ziegen. Wilde Wiesen, die niemand betreten darf, falls doch einmal ein Baum sein Leben aushauchen will.
Angler werfen Köder auf Zielscheiben, die sie auf die Wiese gelegt haben, nicht ins Wasser. Am Ufer schwimmen winzige Inseln in Schwarz, Gelb und Rot mit Füßen unten dran vorbei. Mutter Blesshuhn quiekt, um sie zusammenzuhalten, Vater Blesshuhn knallt die Schnabelhälften aufeinander. Gelbe Lippen öffnen und schließen sich dicht unter der Wasseroberfläche und rufen stumm nach Brotstückchen. Doch wird der Karpfen weder gefressen noch bekommt er zu fressen. Würstle am Ständle. Ich fange an, eure Sprache zu lernen, ich habe Freunde in Stuttgart gefunden, ihr kriegt mich hier nicht mehr raus. Zu dem Satz höre ich den Sound von Ton Steine Scherben.

5. Juni 2018

Jetzt freue ich mich über eine weitere Vorstellung, Lesung und ein Gespräch im Stuttgarter Schriftstellerhaus am 13. Juni um 19:45 Uhr.

1. Juni 2018

Sonntag den 3. von 15 – 16 Uhr gibt es auf FRS http://www.freis-radio.de eine Sendung mit mir. Ich werde 20 Min. lesen, 20 Min. reden wir und für 20 Min. soll ich meine Musikauswahl mitbringen. Passend zu einem der Lesetexte bringe ich ein paar David-Bowie-Songs und Ray Paradise mit. “Mediations in a first fight” der Band “The Town and the City” lief meines Wissens erst zweimal im Radio, und zwar in Berlin, als wir in Bowies ehemaligem Stammcafé “Neues Ufer” auftraten. Ich liebe diese Erinnerung.