Kanalstraße 4 - Das Stipendiatenblog des Stuttgarter Schriftstellerhauses

Ach du Kanalstraße vier, was tät ich ohne dir!

— Armin Ayren

23. Mai 2018

Lyrik lese ich am liebsten im Café. Die Lyrik von Mark Burrows, unserem Kollegen bei den Bochumer Literaten, am besten im Weltcafé im Institut für Auslandsangelegenheiten gegenüber dem Schriftstellerhaus. Ich sitze im Innenhof des ehemaligen Waisenhauses aus dem 18. Jhd. unter einer Linde. Das einzige, was mich hier von den Gedichten ablenkt, sind junge Leute unterschiedlichster Sprachen und Hautfarben. Es ist, als sei die Intention von Marks Lyrik schon verwirklicht: Wir hören auf die Natur und folgen ihrem Beispiel an verschwenderischer Vielfalt, Miteinander, Achtung und Geduld. »The Chance of Home« heißt der Band.

Ihm steht ein Zitat von Krishnamurti vor, das mich auflachen lässt. Und sofort sind die Sorgen des Tages vergessen. Hinter dem Gesang und der Lehre der Natur steht jede Literatur zurück. Umgekehrt lehrt die Natur die Literatur.

Leider verstehe ich nicht alle Verse. Andererseits hilft mir die fremde Sprache, langsamer zu lesen und dem Rhythmus zu folgen. Marks Stimme ist weicher als die deutschen, aber auch weicher als die amerikanischen Stimmen, die ich kennengelernt habe. Er scheint tatsächlich den Sound der Krokusse, der Olivenbäume und der Orangenbäume zu suchen.
Manchmal glaube ich, er hat ihn gefunden. Doch dann sehe ich ihn wieder die Stirn runzeln. Menschen stehen ihm beim Lauschen im Wege, den Sound der Natur zu hören und zu imitieren.
Nein, nicht die Menschen grundsätzlich, aber ihre inneren Konflikte. Einige Menschen bezieht er ein in das Naturbild. Sie tauchen in den Gedichten auf. Wie die Frau, die eine Orange erntet und isst, nicht weil sie hungrig ist, sondern weil sie Geschmack und Nahrung bewahren muss für die Zeit des Winters, des Verlustes.

Ich wünschte, dieser Autor würde Kinder und Jugendliche begleiten, insbesondere bei ihren Naturerlebnissen. Er ist jemand, der jungen Menschen Orientierung bieten kann.

Anja Liedtke

Anja Liedtke

Stipendiatin 2018
Aus Bochum nach Stuttgart kommt von April bis Juni 2018 Anja Liedtke. Der Schritt dürfte ihr und ihren Figuren nicht so schwer fallen. Anja Liedtke arbeitet derzeit an ihrem fünften Roman “Ein Ich zu viel”. Im letzten Jahr überzeugte Liedtke mit ihrem Roman “Schwimmen wie ein Delfin oder Bowies Butler” Die promovierte Autorin schreibt Reiseerzählungen, Romane, Theaterstücke und Sachbücher.
Anja Liedtke

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