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Das Buch der sprechenden Blumen

Wortkarg und spröde ist mein Grossvater, still und unbeweglich. Wenn ihn abgesehen von seiner langen Nase, von seinen rekordverdächtig dünnen Lippen und dem streng nach hinten gekämmten Haar etwas auszeichnet, dann ist es sein Zögern. Er zögert, etwas zu sagen. Zögert, sich vom Sofa zu erheben. Zögert, auf den Auslöser seiner Kamera zu drücken. Zögert, wenn es an der Tür klingelt, zögert, ehe er sich nochmals einen winzigen Schluck Rotwein einschenkt, und mit dem Montieren der Sommerreifen wartet er gerne bis im Juni.

Wer hier Vorfahrt hat, ist klar ..., Blumen eher nicht
Foto: Urs Mannhart

Hat er sich vielleicht auch deswegen faszinieren lassen von der ersten Ampel, die eines Tages – es gab noch kaum Verkehr im Tal – in der benachbarten Kleinstadt an der Kreuzung stand? Er war bereits Mitglied des lokalen Fotoclubs, und ich nehme an, diese erste Ampel weit und breit ist oft fotografiert worden. Grossvater aber suchte noch andere Ampeln in anderen Städten auf, und er fotografierte sie. Gut möglich, dass es mit einem Zufall begann, aber Grossvater drückte immer dann auf den Auslöser, wenn die Ampel auf Orange stand. Fand er Gefallen daran, wie die Ampel, statt flink von Grün auf Rot zu schalten, ein Zögern zum Ausdruck brachte? Mochte er, wie sich mit Hilfe der Fotografie ein höchst instabiler Zustand lautlos überführen liess in die Ewigkeit?

Vielleicht wollte Grossvater auch nur den allgemeinen Fortschritt, den aufkommenden Wohlstand und das Hereinschleichen der Technik in unseren Alltag dokumentieren. Wer Grossvaters Geschichte kennt, kann sich ausmalen, wie er diesen Wohlstandsaufbau erlebt haben muss: Aufwachsen muss er in seelisch verstümmelnder Armut. Seine Eltern geben ihn weg, weil sie, neben vielen anderen Kindern, nicht auch noch ihn mit Nahrung und Kleidern versorgen können; sie sind gezwungen, ihn zu verdingen. Er kommt auf einen Bauernhof, wo es ihm kaum besser geht als den Tieren. Mit 14 oder 15 kann er sich in eine Fabrik retten, und immer samstags, wenn er seinen Lohn erhält, muss er das Geld seinen sogenannten Pflegeeltern abgeben. Zum Glück begreift Grossvater, dass er, um endlosen Entwürdigungen zu entkommen, eine Ausbildung nötig hat. Heimlich findet er sich eine Lehrstelle. Als er am folgenden Samstag keinen Lohn abgeben kann – in der Lehre gibt es so etwas nicht – wird er von seinem Pflegevater verprügelt.

Er bleibt zäh und absolviert die Ausbildung.

Als er, zwanzig Jahre später, dank einer guten Arbeitsstelle teilhaben kann am allgemeinen wirtschaftlichen Aufstieg, ist er fasziniert von all den Gegenständen, die den Menschen unvermittelt zur Verfügung stehen. Ein Plattenspieler, ein Toaster, ein elektrischer Backofen, warme Radiatoren, tadellose Kleidung, ein Rasierapparat, eine Armbanduhr mit digitaler Anzeige, ein apartes Geschirr für nichts anderes als das Drei-Minuten-Ei. Und nicht zuletzt gibt es jetzt von einer japanischen Firma mit dem Namen Minolta diese unglaublich präzisen Spiegelreflexkameras. Was früher dem Beruf des Fotografen vorbehalten war, ein kleiner schwarzer Kasten voller Raffinement, ist mit einem Mal zugänglich auch für ganz normale, in einer Firma für Hydraulik-Anlagen tätige Menschen. Grossvater fängt bildlich ein, was er beobachtet, was ihn fasziniert. Er fotografiert auf Diafilm, denn damit lässt sich, was einzufangen gelungen ist, grossformatig in der Wohnstube zeigen. Die Gebrauchsanweisung, verfasst in einer beschwingten, technikbegeisterten Sprache, liegt auf dem Stubentisch wie ein kostbares Buch.

Denke ich an meine Grossmutter, so sehe ich nicht diese Minolta, sehe nicht die Dia-Abende, sondern ein Unglück. So gut es geht – und es geht ziemlich lange ziemlich gut –, versucht Grossmutter, vor uns allen zu verbergen, wie unglücklich sie ist in der Ehe. Sie ist auch bemüht, es vor sich selbst zu verbergen.

Grossvater bemerkt durchaus, dass Grossmutter sich benimmt, als sei nichts zu bemerken. Grossvater könnte sagen, sie dürfe sagen, was nicht zu sagen, aber längst zu fühlen ist. Aber das kann er nicht sagen. Dort, wo seine Gefühle sitzen, kommt die Sprache nicht hin.

Lieber fotografiert er. Seit er älter geworden ist, seit er sich an all die Gegenstände, all die Technik gewöhnt hat, fotografiert er vor allem die Natur. Meistens Blumen. In seinem Archiv gibt es vielleicht 4000 Diabilder. Die allermeisten zeigen Blumen. Blühende Blumen, blühende Blumen und nochmals blühende Blumen.

Ich glaube, Grossvater fotografiert sie, weil er nicht reden kann. Weil er jene Kraft nicht hat, die nötig ist, um zu sagen, dass das Leben schön ist. Dass es verblüht. Dass es schön ist, weil es verblüht. Und dass es kein Versagen ist, wenn jemand in einer Ehe nicht dauerhaft sein Glück findet.

Die Herzlosigkeiten seiner Kindheit, die Armut seiner Jugend – in seinen späten Fotografien kommt nichts so sehr zum Ausdruck wie die Sehnsucht nach Schönheit und Harmonie. In den Bildern der blühenden Blumen ist eine liebevolle Sprache zu entdecken, jede Blume eine neue Zeile, jedes Blühen ein untergehendes, in der Fotografie unsterblich gewordenes Paradies.

Diese Sprache versuche ich manchmal zu lesen, ich denke an sie, wenn ich blühende Blumen sehe. Auch heute noch. Seit fünf Jahren sind meine Grosseltern tot.

Urs Mannhart
Von Mai bis Juni 2021 residiert der Schweizer Autor Urs Mannhart im Schriftstellerhaus. Er erhält das Stipendium des Landes Baden-Württemberg für die Arbeit an einem Roman, den er bei seinem in Berlin ansässigen Secession-Verlag publizieren möchte, der Arbeitstitel lautet „Die Lücken“.