Kanalstraße 4 - Das Stipendiatenblog des Stuttgarter Schriftstellerhauses

Ich kam aus Namibia und fand im „Häusle“ ein zweites Zuhause.

— Giselher Hoffmann, Stipendiat 2004

Schrittzähler, Schnittfehler, Bittsteller …

Schrittzähler, Schnittfehler, Bittsteller ...

Platanen-Schnitt auf der Königstraße © Kathrin Schmidt

Au weia, der Herren- oder Vatertag liegt schon eine gute Woche zurück, und ich wollte doch … Doch der virtuelle Blogblock lag wohl unter realem Papierkram, wer weiß. Jedenfalls 30.5., Herrentag.
Ich vermeide es an diesem Tag für gewöhnlich, von Berlin-Mahlsdorf aus ins Brandenburger Umland zu fahren. Die Wahrscheinlichkeit, von radelnden Altherrenhorden, geschmückten, mannhaltigen Pferdefuhrwerken oder Bubis auf Bierwanderung aufgehalten zu werden, ist mir zu groß. Nicht so offenbar in Stuttgart: Ich dröselte wieder einmal mit der Bahn quer durch die Stadt, bis aufs Land, und das hielt sich bedeckt. Sicher, hier und da kleine, maskuline Aufläufchen, aber kein Grölen, kein Anmachen. Bravo, Jungs!
Zufrieden fuhr ich zurück zum Hauptbahnhof, denn meine täglich verordnete Schrittbilanz wies noch ein Defizit auf, das ich auf dem Weg zu Fuß zum Charlottenplatz ausgleichen wollte. Der Weg durch die Königstraße hatte eine Überraschung parat. Ich hatte die stark gestutzten Platanen für nicht mehr lebendig gehalten. Seit April vermisste ich Blätter, während die nicht gestutzten dieser Bäume, zum Beispiel auf dem Schlossplatz, heftig austrieben. Der Mann meiner Freundin hatte vor einigen Jahren eine Blutbuche so stark entlaubt und gelichtet, dass sie unweigerlich eingegangen war. Ich vermutete einen Schnittfehler der städtischen Baumfriseure … Aber nichts da: Erste Blattlämmchen zeigten sich! Zwar leuchtet mir noch immer nicht ein, was der Zweck der Radikalbeschneidung sein könnte, aber die Freude war groß.


Also beschloss ich, mir einen Weißwein zu gönnen und setzte mich am Grand Café Planie an einen der nicht im Garten, sondern auf der Straßenseite platzierten Tische. Neben mir nur eine einzige Frau, ich sah sie im vom Haar halb verdeckten Profil, sie las. Langsam wurde ich unruhig, weil keine Bedienung erschien. Meiner Nachbarin erging es vermutlich ebenso, jedenfalls schaute sie mehrfach irritiert auf. Und während ich überlegte, einfach aufzustehen, sah ich in noch einiger Entfernung einen Mann, der mir bekannt vorkam. Er winkte mir zu? Fuchtelte mit einem Stück Papier??? Ach, das war ja Jan Bürger, den ich aus dem Literaturarchiv Marbach kenne! Ich winkte zurück, was er nicht zu bemerken schien. Dafür lief er auf meine Nachbarin zu und umarmte sie, lachte über die verkorksten Fotos, die ihm der Automat im U-Bahnhof ausgespuckt hatte und hielt sie der Frau unter die Nase. Mein Gott, das war ja Anna Katharina Hahn … Während mir das endlich klar war, lächelte ich Jan Bürger wissend an und wollte schon glauben, wieder mal nicht erkannt zu werden. Aber Ungläubigkeit machte sich in seinem Blick breit: Kathrin Schmidt??? Was machen Sie denn hier? Großes Hallo … Anna Katharina lief nun ungeduldig ins Café, immerhin hatten wir bereits zwanzig Minuten verwartet, um mit dem ernüchternden Bescheid wiederzukommen, es gebe zu wenig Personal. Schneller ginge es, wenn wir im Garten Platz nähmen. Gesagt, getan.
Und nun?
Nichts.
30 Minuten.
40 Minuten.
Wir bedauerten, uns nicht woanders niedergelassen zu haben.
Nach 45 Minuten erschien eine ältere (Vorsicht: Ageismus!) Kellnerin (Vorsicht: Sexismus!) und fragte nach den Wünschen der (nach uns erschienenen) Frau vom Nebentisch, die in klarem Englisch, das ja auch auf der Speisekarte zu lesen ist, einen Flammkuchen und ein Mineralwasser bestellen wollte. Das Blaffen der Kellnerin und mein Erschrecken darüber durchzucken mich immer noch: Sie solle gefäligst deutsch mit ihr reden, sie verstehe das nicht! Ein jüngerer Kellner springt hinzu, hilft aus.
Wir sind beinahe sprachlos über so viel Unfreundlichkeit und bestellten nun stockend Espresso, Cappuccino, Weißwein. Bei der Blafferin.
Kaum war sie fort, wurde Anna Katharina Hahn von der Fremdscham übermannt und begann ein Gespräch mit der Asiatin vom Nebentisch. Sie kam aus Vietnam und erzählte lächelnd, sprudelnd, dass ihr so etwas in Stuttgart noch nie passiert sei. Geplänkel. Freundlichkeit. Gewissensaufbesserung. Ja, wir hätten dazwischengehen sollen beim großen Blaff.
Inzwischen wurden die anderen Tische beliefert. Auch jene, deren Bestellungen lange nach unserer aufgenommen wurden. Anna Katharina wollte fort.
60 Minuten.
Der Wunsch wurde dringlicher.
70 Minuten.
Wir begannen das Wettspiel “Jetzt kommt´s!”.
Leider ohne Ergebnis.
Und nach 80 Minuten, als ich eben meine letzte Zigarette geraucht, die Tasche verschlossen hatte und aufstehen wollte, kam es tatsächlich. Die Blafferin zuckersüß, sie hätte eine Flasche des von mir bestellten Weines erst im Keller suchen müssen, er sei oben nicht mehr vorrätig gewesen. Deshalb habe es ein bisschen gedauert.
Ein bisschen? Nach 85 Minuten gehen Anna Katharina und Jan leicht gefrustet nach Hause. Ich lasse mir Zeit, kann einfach keinen Wein stürzen und verlasse den Ort ziemlich genau 100 Minuten, nachdem ich ihn betreten hatte.
Ich wurde bislang von allen Kellnerinnen und Kellnern in Stuttgart überaus zuvorkommend bedient.
Das sähe womöglich anders aus, wenn ich anders aussähe?
Glauben will ich das nicht …

Kathrin Schmidt

Kathrin Schmidt

Kathrin Schmidt schreibt Lyrik und Prosa. Für ihre Werke erhielt sie zahlreiche Literaturpreise, darunter den Deutschen Buchpreis 2009 für den autobiographisch gefärbten Roman »Du stirbst nicht«.
Kathrin Schmidt

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