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Unterbrechungen #1

Ich stehe in Astrids leerem Büro. Der Ausklappnippel mit dem Galaxie-Muster auf der Rückseite meines Handys knickt immer wieder ein und die Veranstalterin lacht blechern.

„Beim Live-Stream klemm ich ein Buch dahinter“, sag ich ins Handy hinein.

Ich überlege, wo ich am besten sitzen werde, während ich die Lesung streame. Astrids Büro ist der einzige Ort im Haus, an dem die WLAN-Verbindung durchgängig stabil ist.

„Woyzeck würd ich gern sehen“.

Vor einer Woche stand ich am selben Fleck, Astrid im Drehsessel und ich an der Türschwelle.

„Woyzeck ist eh einer meiner Lieblingsstoffe“, antwortete ich, während Astrid am Bildschirm den Saalplan abrief.

„Ich muss jetzt was essen. Lass später buchen. Oder am Montag.“

Aber am Montag war es schon kein Thema mehr. Kurz vorm Wochenende wurde das Literaturfestival abgesagt, auf dem ich einen Preis erhalten sollte. Ich erfuhr es aus der Zeitung.

Ich verabschiede mich aus dem Probe-Stream, nehme mein Handy und verlasse das Büro. Oben, in der Künstlerwohnung, setze ich mich an meinen Computer, setze mich an den Text mit dem man mich ins Schriftstellerhaus nach Stuttgart geholt hat. Seit die Ungewissheit aus allen Ritzen ins Leben sickert, geht nichts mehr. Jetzt hast du ja Zeit zum Schreiben. Jetzt hast du ja endlich mal Zeit zum Schreiben, hallt mir der Satz nach, der mir in diesen Tagen von jeglicher Seite als gut gemeinter Ratschlag mit in die Isolation gegeben wird.

Ich habe meine alten Laufschuhe aus Berlin mitgebracht, eigentlich fürs Fitnessstudio. Laufen ist nichts für mich, habe ich immer gesagt: Das mache ich nicht mehr, das habe ich ausprobiert und es war nichts. Jetzt beobachte ich die Reflektorstreifen an den Schuhaußenseiten während ich warte, dass die Fußgängerampel grün wird. Ich gehe über den Zebrastreifen, gehe in den Schlossgarten hinein. Ich bin athletisch unbegabt, ich bewege mich ungeschickt. Wenn ich kann, vermeide ich Sport im öffentlichen Raum, damit die Leute keine Gelegenheit bekommen, mich auszulachen, wenn sie merken, dass ich meinen eigenen Körper nicht richtig bedienen kann.

Obwohl es bereits dämmert, sitzen die Menschen noch in Grüppchen mit ihren Freunden zusammen und trinken Beck‘s. Sie schauen nicht eigentlich aus, als würden sie Spaß daran haben, die Verhaltensregeln zu missachten. Eher ist es ein letztes Aufbäumen, ein Festkrallen an der Normalität, die jetzt auf unbestimmte Zeit unterbrochen wird. Und die Unbestimmtheit ist es, was unter der Haut juckt. Die Frage, ob man nach dieser Unterbrechung sein altes Leben weiterführen wird. Welche Normalität es ist, die in der Zukunft wartet, wissen wir nicht. Man kann nur die unbestimmte Variabel in den Alltag integrieren und von da aus weitergehen.

Ich suche eine Jogging-Playlist auf Spotify, Rita Ora: Aha. Ich laufe los und im EinskommafünfMeterAbstand an den Biertrinkern vorbei. Meine untrainierte Unterschenkelmuskulatur zieht sich schmerzvoll zusammen, sie ist beleidigt, dass sie jetzt ohne Vorwarnung auf einmal leisten muss. So geht’s uns allen, denke ich, das musst du jetzt aushalten, und weiß nicht, ob ich meine Beine, mich selbst oder die Biertrinker meine. Das Lied wechselt und ich höre das regelmäßige Klopfen meiner Sohlen auf dem Asphalt. Es sind die Schritte einer Anderen, denke ich, sie haben nichts mit mir zu tun.