Das junge Schriftstellerhaus

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    Jana Neumann: “Durchs Schlüsselloch”

    Jana Neumann Foto: Jan Münster
    Jana Neumann     Foto: Jan Münster

    Jana Neumann
    Durchs Schlüsselloch

    Kies knirschte unter meinen Schuhen. Mit zittriger Hand steckte ich den Schlüssel ins Schloss. Die Tür schwang auf. Kein Quietschen. Schon schlug mir der Oma-Geruch entgegen. Eine Mischung aus Keksen, Lederschuhen und Kaminfeuer. Ich atmete tief ein. Der vertraute Geruch beruhigte mich etwas. Stille. Ich ließ mir die Jacke von den Schultern gleiten und hängte sie an den Haken mit dem Pfauenkopf. Seine Perlmutt-Augen hatten mich immer fasziniert, doch heute schauten sie nur ausdruckslos ins Leere. Langsam, mit einer gewissen Ehrfurcht ging ich den Flur entlang. Das Knarzen der Holzdielen war ungewöhnlich laut. Vor der Tür zum Wohnzimmer holte ich einmal tief Luft und drückte die Klinke. Sie war kalt. Ich betrat das Wohnzimmer und schaute mich um. Alles sah aus wie immer. Die Sofakissen ordentlich gerade gezupft, der Keksteller und die Bonbondose standen auf dem Tisch, die Lilien hatten genug Wasser. Alles war sauber hergerichtet und abgestaubt. Alles wie immer. Eine Träne lief meine Wange hinunter. Selbst als sie schon so schwach gewesen war, war sie noch mit dem Staubwedel umhergegangen und hatte alles ordentlich gehalten. Ich strich über die Tischdecke. Es war ihre Lieblingsdecke, die mit den chinesischen Stickereien. Ein Tränenfleck unterbrach das Muster. Im Regal standen die drei Holzschweinchen, die Tasse mit dem Fliegenpilz darauf, und auch die Buddhafigur war an ihrem Platz. An der Wand hing das expressionistische Gemälde einer Kirche. Direkt daneben der holzgeschnitzte Löwenkopf, vor dem ich mich immer so gefürchtet hatte. Ungewöhnliche Gegenstände, aus aller Welt gesammelt. Zu jedem gab es eine Geschichte, eine aufregende Reise ihrer Jugend, von denen sie uns Kindern abends vor dem Kamin erzählt hatte, während wir Tee schlürften und Kekse knabberten. Mehr als zwanzig Jahre war das jetzt schon her. Wie schnell die Zeit vergangen war. Ich hatte ihren Drang zur Ordnung und ihre Begeisterung für fremdländische Gegenstände nie verstanden, doch gerade das liebte ich an ihr. Ebenso sehr wie ihre Leidenschaft für Kekse, ihr schrilles Lachen, ihre Umarmungen.

    Die Tränen in meinen Augen ließen das Zimmer zu einer Aquarellmalerei verlaufen.

    Sie hatte uns das Kartenspielen beigebracht, uns Geschichten vorgelesen, war mit uns spazieren gegangen und hatte mit uns Kekse gebacken. Sie war immer gut gelaunt und ausgelassen gewesen, trotz ihrer schweren Vergangenheit. Damals, als ihr Mann gestorben war, hatte sie alles verloren, war nur mit ihrer Tochter und einem Koffer hierhergekommen und hatte sich hier ein neues Leben aufgebaut. Sie hatte sich immer bemüht, sorgenfrei und fröhlich zu wirken, doch ich wusste, dass die Trauer sie ständig begleitete. Jeden Abend schloss sie sich ins Wohnzimmer ein, nahm die karierte Box vom Regal und setzte sich aufs Sofa. Mit der geöffneten Box auf dem Schoß weinte sie dann eine Weile oder schaute reglos aus dem Fenster. Manchmal saß sie stundenlang so da, während ich vor der Tür kauernd durchs Schlüsselloch spähte und mir darüber den Kopf zerbrach, was sich wohl in der Box befand. Als ich sie einmal möglichst beiläufig danach fragte, wurden ihre Augen für einen Moment glasig. Dann erzählte sie mir, dass sie darin das einzige Andenken an ihren Mann, meinen Opa, aufbewahrte. Was genau das war, verriet sie mir nicht. Ich respektierte das.

    Doch nun… Nun war die Situation eine andere. Ich schaute auf. Sie stand neben ein paar glänzenden Kochbüchern. Die Farbe war von der häufigen Benutzung teilweise abgeblättert, doch das schwarz-weiße Karomuster konnte man noch gut erkennen. Zweifel kamen in mir auf. Ich sah ihr schmerzerfülltes Gesicht durch das Schlüsselloch, ihre Tränen, die im Abendlicht glitzerten. Das einzige Andenken.

    Ich musste es einfach wissen. Entschlossen stand ich auf, ging um den Tisch herum und holte die Box herunter. Ich fühlte mich wie das Kind, das ich mal gewesen war, neugierig und voller Erwartungen. Ich atmete tief ein und hob den Deckel hoch. Die Box war leer.

     

    Gefördert vom Kulturamt der Landeshauptstadt Stuttgart

    Jana Neumann Foto: Jan Münster
    Jana Neumann     Foto: Jan Münster

    Jana Neumann
    Durchs Schlüsselloch

    Kies knirschte unter meinen Schuhen. Mit zittriger Hand steckte ich den Schlüssel ins Schloss. Die Tür schwang auf. Kein Quietschen. Schon schlug mir der Oma-Geruch entgegen. Eine Mischung aus Keksen, Lederschuhen und Kaminfeuer. Ich atmete tief ein. Der vertraute Geruch beruhigte mich etwas. Stille. Ich ließ mir die Jacke von den Schultern gleiten und hängte sie an den Haken mit dem Pfauenkopf. Seine Perlmutt-Augen hatten mich immer fasziniert, doch heute schauten sie nur ausdruckslos ins Leere. Langsam, mit einer gewissen Ehrfurcht ging ich den Flur entlang. Das Knarzen der Holzdielen war ungewöhnlich laut. Vor der Tür zum Wohnzimmer holte ich einmal tief Luft und drückte die Klinke. Sie war kalt. Ich betrat das Wohnzimmer und schaute mich um. Alles sah aus wie immer. Die Sofakissen ordentlich gerade gezupft, der Keksteller und die Bonbondose standen auf dem Tisch, die Lilien hatten genug Wasser. Alles war sauber hergerichtet und abgestaubt. Alles wie immer. Eine Träne lief meine Wange hinunter. Selbst als sie schon so schwach gewesen war, war sie noch mit dem Staubwedel umhergegangen und hatte alles ordentlich gehalten. Ich strich über die Tischdecke. Es war ihre Lieblingsdecke, die mit den chinesischen Stickereien. Ein Tränenfleck unterbrach das Muster. Im Regal standen die drei Holzschweinchen, die Tasse mit dem Fliegenpilz darauf, und auch die Buddhafigur war an ihrem Platz. An der Wand hing das expressionistische Gemälde einer Kirche. Direkt daneben der holzgeschnitzte Löwenkopf, vor dem ich mich immer so gefürchtet hatte. Ungewöhnliche Gegenstände, aus aller Welt gesammelt. Zu jedem gab es eine Geschichte, eine aufregende Reise ihrer Jugend, von denen sie uns Kindern abends vor dem Kamin erzählt hatte, während wir Tee schlürften und Kekse knabberten. Mehr als zwanzig Jahre war das jetzt schon her. Wie schnell die Zeit vergangen war. Ich hatte ihren Drang zur Ordnung und ihre Begeisterung für fremdländische Gegenstände nie verstanden, doch gerade das liebte ich an ihr. Ebenso sehr wie ihre Leidenschaft für Kekse, ihr schrilles Lachen, ihre Umarmungen.

    Die Tränen in meinen Augen ließen das Zimmer zu einer Aquarellmalerei verlaufen.

    Sie hatte uns das Kartenspielen beigebracht, uns Geschichten vorgelesen, war mit uns spazieren gegangen und hatte mit uns Kekse gebacken. Sie war immer gut gelaunt und ausgelassen gewesen, trotz ihrer schweren Vergangenheit. Damals, als ihr Mann gestorben war, hatte sie alles verloren, war nur mit ihrer Tochter und einem Koffer hierhergekommen und hatte sich hier ein neues Leben aufgebaut. Sie hatte sich immer bemüht, sorgenfrei und fröhlich zu wirken, doch ich wusste, dass die Trauer sie ständig begleitete. Jeden Abend schloss sie sich ins Wohnzimmer ein, nahm die karierte Box vom Regal und setzte sich aufs Sofa. Mit der geöffneten Box auf dem Schoß weinte sie dann eine Weile oder schaute reglos aus dem Fenster. Manchmal saß sie stundenlang so da, während ich vor der Tür kauernd durchs Schlüsselloch spähte und mir darüber den Kopf zerbrach, was sich wohl in der Box befand. Als ich sie einmal möglichst beiläufig danach fragte, wurden ihre Augen für einen Moment glasig. Dann erzählte sie mir, dass sie darin das einzige Andenken an ihren Mann, meinen Opa, aufbewahrte. Was genau das war, verriet sie mir nicht. Ich respektierte das.

    Doch nun… Nun war die Situation eine andere. Ich schaute auf. Sie stand neben ein paar glänzenden Kochbüchern. Die Farbe war von der häufigen Benutzung teilweise abgeblättert, doch das schwarz-weiße Karomuster konnte man noch gut erkennen. Zweifel kamen in mir auf. Ich sah ihr schmerzerfülltes Gesicht durch das Schlüsselloch, ihre Tränen, die im Abendlicht glitzerten. Das einzige Andenken.

    Ich musste es einfach wissen. Entschlossen stand ich auf, ging um den Tisch herum und holte die Box herunter. Ich fühlte mich wie das Kind, das ich mal gewesen war, neugierig und voller Erwartungen. Ich atmete tief ein und hob den Deckel hoch. Die Box war leer.