Das Schriftstellerhaus hatte am 17. Februar 2026 den Schriftsteller Artur Becker eingeladen. Sein vor kurzem erschienener Band mit fünfzehn Erzählungen hatte Viola Völlm, die das Programm des Schriftstellerhauses verantwortet, neugierig gemacht. Mehr als 20 Bücher hat Artur Becker veröffentlicht: Romane, Essays, Erzählungen und Gedichtbände. Für sein literarisches Werk wurde er 2009 mit dem Chamisso-Preis ausgezeichnet. Der Chamisso-Literatur-Preis, vergeben von der Robert-Bosch-Stiftung, zeichnete von 1985 bis 2017 deutschsprachige Werke von Autoren aus, die nichtdeutscher Sprachherkunft sind.
Artur Becker ist einer, der die Sprache wechselte
Der 1968 in Bartoszyce /Masuren geborene Becker übersiedelte mit 17 Jahren zusammen mit seinen Eltern nach Deutschland. Das Auffanglager in Helmstedt war seine erste Station auf deutschem Boden. Schnell lerne er Deutsch und holte das deutsche Abitur nach. In Bremen studierte er Kulturgeschichte Osteuropas sowie deutsche Literatur- und Sprachwissenschaft. Artur Becker debütierte 1984 auf Polnisch in der Gazeta Olsztyńska, und zwar als Lyriker. 1989 wechselte er die Sprache und schreibt seitdem ausschließlich auf Deutsch. Zweimal war er zum Ingeborg Bachmann Preis eingeladen.
Mit einem Zitat des Literaturnobelpreisträgers Isaac Bashevis Singer eröffnete Becker die Lesung. Dieses Zitat hat er auch seinem neuen Band vorangestellt:
Ein Schriftsteller sollte niemals die Sprache seiner Vorfahren aufgeben und auf ihre Schätze verzichten. Die Literatur muss sich mit der Vergangenheit auseinandersetzen und nicht die Zukunft entwerfen. Sie muss Ereignisse beschreiben und nicht irgendwelche Ideen analysieren; ihr Gegenstand ist das Individuum, nicht das Kollektiv. Sie muss eine Kunst sein und darf nicht so tun, als sei sie eine Wissenschaft.
Ein Diktator in der Idylle
Dieser Autor scheint für Artur Becker ein besonderer Fixpunkt zu sein. Mit großer Bewunderung und Empathie spricht er über ihn. Dann beginnt er seine Lesung mit einem Auszug aus der ersten Erzählung: Der Diktator vom Gehlandsee.
Lange heiße Tage, unendliche Badefreuden, Lagerfeuer mit Schlager und Wodka – Artur Becker hat die Sommermonate seiner Kindheit regelmäßig in einem Erholungszentrum in Masuren zugebracht und stellt diesen Ort in den Mittelpunkt dieser langen Erzählung. Am Ufer des Gehlandsees steht das Erholungszentrum Rusałka – ein Ort voller Sehnsüchte, Ängste und Mythen. Hier herrscht Albrecht Butcher, ein Mann, den alle fürchten und den doch niemand aufhält.
Sofort tauchen die Zuhörer in die alte Heimat des Autors ein und spüren dem Zauber der Natur und dem Horror eines autoritären Staates nach. Ein großer Teil der Zuhörerschaft ist über die Werbung einer Dame von der deutsch-polnischen Gesellschaft gekommen. Man kann sich in die Welt, die beschrieben wird, gut einfühlen.
Fuchsmann und Fliegenpilze
Zwei weitere Erzählungen liest Artur Becker an diesem Abend: Der Fuchsmann und die Fliegenpilze im Schnee und eine Erzählung, die er als eine von vergifteter Zeit beschreibt: Bei Tagesanbruch sage ich euch dann „Auf Wiedersehen, Kälte!“
Stundenlang könnte man diesem freundlichen Autor bei seinen autobiografisch inspirierten Geschichten zuhören in denen er immer wieder von gebürtigen Polen, die ihr Glück in Deutschland suchen erzählt, weil sie von ihrem – damals noch sozialistischen – Heimatland die Nase voll haben.
Einige kauften am Büchertisch den Erzählungsband mit den 15 Geschichten, um dem Autor weiter in der masurischen Landschaft zu folgen. Einige seine Essais kann man auf der Homepage von FAUST KULTUR finden. Dort hat Artur Becker den Posten des Chefredakteurs Literatur und Essayistik inne.
Von Michael Seehoff, erstmals veröffentlicht auf Elsternest am 19.2.206



