3 Fragen an Jonis Hartmann

Jonis Hartmann, Foto: Rainer Koch

Ein neuer Stipendiat ist in der Kanalstrasse eingezogen: Jonis Hartmann

Willkommen im Schriftstellerhaus!

Unser neuer Gast lebt und arbeitet als Lyriker, Übersetzer und Literaturveranstalter in Hamburg. Dort mitgründete er die Lesereihen AHAB, Hafenlesung und i’m growing fur sowie die Literaturzeitschrift tau. Für die Übersetzung von Richard Wrights HAIKU, Matthes & Seitz Berlin, aus dem Englischen wurde ihm der Hamburger Übersetzerpreis 2024 zugesprochen. Er ist Finalist beim Lyrikpreis Meran 2026 und hat zuletzt in der Grünen Reihe bei SuKuLTuR, Berlin 2026, den Gedichtband Das Farnweh veröffentlicht. In seinem Werk beschäftigt er sich mit Themen wie Wind, übersteuerter Wahrnehmung und Fragen der Gestaltung. Er hat zu Werkzeugen promoviert – in Architekturtheorie, Schwerpunkt seiner täglichen Arbeit bildet das Hören.

Um ihn besser kennenzulernen, habe ich ihm drei Fragen gestellt:

In Hamburg entwickelst Du immer wieder spannende Formate in urbanen Nischen und Zwischenräumen. Wie siehst Du das Stuttgarter Bohnenviertel?

Durch das Bohnenviertel zu spazieren, war heute wie durch die Törchen von einem Adventskalender zu gehen, Höfe haben sich geöffnet, Sackgassen, kleine Gärten, Plätze, Handwerkslager, Kiosk, Bar, Sitzbänke. Hier findet bereits etwas statt. Abgesehen von der Baustellenumzingelung. Lesungen, Auftritte wären hier wie Bohnen zu absolvieren, etwas entsteht, ein Kommen & Gehen jederzeit möglich, ich denke an Outdoor-Veranstaltungen, ein Lesespaziergang mit unterschiedlichen Spots, bei dem die Begriffe Öffentlichkeit, halb-öffentlich, Rabenraum, Material, Steine, Höhenunterschied, Laub eine Rolle spielen. Auch Imbiss- u Mauerreich wären interessant zu kombinieren. Schlussendlich am Kopfende zu landen, Barbesuch, Musik, Ausklang. Das Bohnenviertel ist ein organisches Abbild von Wachstum, mit Eingriffen. Ich bin gespannt, wie es sich über eine längere Zeit verhält.

Wie möchtest Du die Zeit in der Kanalstrasse nutzen? Hast Du ein konkretes Projekt oder möchtest Du Dich in erster Linie inspirieren lassen?

Ich möchte mich jederzeit inspirieren lassen. Ich (auf)schreibe mit den Ohren, Augen, ich zeichne, ich habe einen anderen Schreibtisch als in Hamburg, mithin anderes Schreibverhalten, das ist es. Mitgebracht habe ich Lyrikarbeiten, an denen ich arbeite, arbeite, arbeite manchmal streike für bessere Arbeitsbedingungen. Hier könnten sie sein. Ich habe vor, mich in Bewegung zu halten. Eventuell gibt es die Früchte erst viel später. Laufen ist wichtig, beobachten, herumzoomen im Manuskript, das ist schreiben für mich. Leben mit den Dingen, ich habe Text mitgebracht, ich möchte wissen, wie er sich hier nach dem Umzug verhält. Offen sein für neue Dinge, die sich zwangsläufig ergeben werden, mit ihnen weiterarbeiten.

Die Übersetzung von Richard Wrights Haikus hat große Aufmerksamkeit erzeugt. Wie bist Du dazu gekommen, einen der bedeutendsten afroamerikanischen Schriftsteller ins Deutsche zu übertragen?

Das war Zufall, dann noch ein Zufall, dann Glück, am Ende sehr viele Jahre Unsicherheit, immer noch Unsicherheit, letztendlich eine Näherung, wie könnten silbenstrenge Bilder zusammenwirken auf Deutsch? Ich bin der, der lernt. Ohne Unterstützung von verschiedenen Freund*innen, Kolleg*innen, Institutionen wäre es eine Übung für mich geblieben, ein Versuch, ein Trainieren, das aus Interesse gekommen, gewachsen ist. Ich hatte ein Buch von Wright in Neuübersetzung, den Roman Native Son für eine Literaturplattform besprochen & war ob der anfallenden Recherche über seine letzte posthume Publikation HAIKU gestolpert, was so ziemlich das letzte war, was ich erwartet hatte. Beim Lesen, in schon damals krisengerappelter Verfassung, außen & innen, habe ich so etwas wie eine andere Welt (in dieser hier) gespürt. Es war notwendig, es zumindest zu versuchen ein Mal einen Haiku von ihm (817 insgesamt) auf Deutsch wiederzugeben, zu schauen, zu hören, was das wäre. Dann noch einen, noch einen, noch einen. Plötzlich (also nach langer Zeit) hatte ich eine Seite (vier waren darauf), dann noch eine …

Text und Bild: Rainer Koch

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