Am 28.09.2026 beging das Stuttgarter Schriftstellerhaus gemeinsam mit seinen Kooperationspartner:innen die Projektwoche „Stuttgart schreibt. Fiese Krise – Und die Literatur?“ feierlich im Hospitalhof. (Amtsleiter des Kulturamts) Marc Gegenfurtner leitete den Abend ein, gefolgt von Robin Ackermann und Alice Vakhitova, beide sowohl Vorstandsmitglieder als auch Projektleitende. Fiese Krise – was hat die Literatur dazu zu sagen?

Bild: Jelena Ćupić
Ganz in diesem Sinne erklang eine Sound-Performance. Studierende erhoben sich aus den Sitzreihen, Lautsprecher in ihren Taschen versteckt, mit starrem Blick auf ihre gezückten Smartphones. Im Stechschritt gingen sie den Saal auf und ab. Dabei erklang eine Kakophonie an Wortfetzten, Memes und Musikloops. Zitate, die existenziell und provokant das Zeitgeschehen widerspiegeln. Lesend, schreiend, singend. Zeitgleich saß eine Studentin auf dem Bühnenboden, laut in eine Schreibmaschine tippend.
Die geladenen Gäste Nora Bossong und Simon Strauß wurden mit der nicht ganz einfachen Frage konfrontiert, was denn die Literatur in Krisenzeiten leisten könne. Für Bossong ist die Krise eine sich ankündigende Katastrophe. Dies führe allerdings zu Aktivismus, der sich positiv auswirken könne. Krisenzeit sei eine florierende Zeit, man denke an Bewegungen wie Fridays for Future. Krisen würden sich oft produktiv auswirken, sie können ein Nährboden für Imagination sein. Menschen in Krisen verhaften laut Bossong entweder in Aktion oder in Depression. Literatur könne in der Lage sein, die Menschen in Reflexion zu bringen. Man solle sich der Literatur hingeben, seinen verstehenden Blick schärfen.

Bild: Jelena Ćupić
Simon Strauß blickt mit Sorge auf die Entwicklung künstlicher Intelligenz. Sie läute eine Krise der Literatur ein, wobei der Begriff ‚Krise‘ unzureichend sei. Was, wenn KI nicht das Ende der Literatur ist? Strauß sagt, Literatur müsse Gemeinschaften suchen, Heiliges stärken und Profanes schwächen. Statt einen ‚neuen‘ Anfang der Literatur zu suchen, sollte vielmehr die Sehnsucht nach dem Anfang literarisch ergründet werden.
In einer fiktiven Geschichte, die Strauß danach vorliest, nähert er sich dem gegenwärtigen Stillstand, einem Fortschritt ohne Fußstapfen. Kritisiert Systemdenker, die nur analytisch seien und nicht am ganzen Menschen interessiert. Er steht dem Protagonisten zu, zwar den Traum einer besseren Welt zu haben – jedoch konstatiert er ihm zugleich ein Unvermögen, etwas an der Welt verändern zu können.
Was raten uns Nora Bossong und Simon Strauß? „Viel lesen“ und „keine Angst vor dem Einfachen“. Ein Appell an uns, nicht in Stillstand zu verharren, sondern sich mit den Krisen im Hier und Jetzt literarisch auseinanderzusetzen.
Text: Charlotte Feichtmair
Bild: Charlotte Feichtmair, Jelena Ćupić


