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Unterbrechungen #2

Stuttgart, 24.03.2020

Liebes Tagebuch,

ich hatte einen furchtbaren, dystopischen Traum.

Ich lebte in Stuttgart; alleine in einem alten Haus, das knarzte, als wären da noch fünf Andere. Eines Tages kam ein Virus, den wir zuerst nicht ernst nahmen, dann aber doch.

Die Bundeskanzlerin sagte im Fernsehen, wir sollten einen EinskommafünfMeterAbstand zueinander einhalten und das Haus lieber nicht mehr verlassen. Später sagte sie, wir sollten nur noch allein oder zu zweit sein, zu mehrt nur, wenn man eine Genverbindung nachweisen konnte. In Berlin sollten die Menschen einen Meldeschein vorweisen, wenn sie spazieren gingen, ganz Bayern stand unter Hausarrest, die Grenzen nach Österreich und zum Rest der Welt waren dicht.

Im Supermarkt klebten Paketband-Streifen auf dem Boden, hinter die man sich stellen sollte, damit man sich nicht zu nahekam. Alle sprachen über ihre Arbeit oder Klopapier. Im Park joggte man im EinskommafünfMeterAbstand aneinander vorbei. Im Supermarkt gab es nur noch eine Sorte vegetarischer Maultaschen.

Wenn man nach Hause kam, musste man sich gleich die Hände waschen, man musste zwei Mal Happy Birthday singen, und dabei die Seife sorgfältig zwischen den Fingern verteilen. Die Haut wurde immer trockener. Im Supermarkt durfte man nur mehr eine Packung H-Milch mitnehmen, damit sich nicht dasselbe wiederholte wie mit dem Klopapier. Im EinskommafünfMeterAbstand joggte man durch den Park und relativierte im Kopf seine bisherige Meinung übers Lebensmittelhorten.

Donald Trump war der Präsident der USA.