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Buchtipp von Moritz Hildt: Lawrence Ferlinghetti: „Little Boy“

Cover von "Little Boy"
Cover von „Little Boy“

Lawrence Ferlinghetti konnte man an vielen Ecken begegnen: In dem von ihm gegründeten und bis heute traumhaft schönen City Lights Bookstore in San Francisco, wo er 1956 Allen Ginsbergs monumentales Beat-Gedicht Howl herausbrachte und sich damit eine Anklage wegen „Verbreitung von Obszönität“ einhandelte, rund um seine kleine Hütte im wilden kalifornischen Küstenstrich Big Sur, in der Jack Kerouac mehrfach erfolglos versuchte, seine Alkoholsucht in den Griff zu kriegen, bei seinen regelmäßigen Stippvisiten in Shakespeare & Company, dem legendären englischen Buchladen in Paris – und natürlich in seinen Gedichten, allen voran dem Buch A Coney Island of the Mind (1958), das in den USA zu den wenigen Gedicht-Bestsellern der Literaturgeschichte zählt.

Und dann gibt es da noch das Caffe Trieste in San Francisco, gleich um die Ecke von Ferlinghettis Buchladen. Hier konnte man ihn, den alten Mann mit dem weißen Bart und dem warmen Lächeln, noch bis vor kurzem und in zuverlässiger Regelmäßigkeit antreffen, wie er an einem der Tische am Fenster saß und in sein Notizbuch kritzelte. Und nicht weniger derer, die – wissentlich oder unwissentlich – in seiner Nähe Platz genommen haben, haben es in seinen letzten Roman geschafft: Little Boy, der 2019 sowohl im Original, als auch in einer eindrucksvoll gelungenen deutschen Übersetzung erschienen ist.

Genau genommen ist Little Boy überhaupt kein Roman, sondern eine literarische Abenteuerfahrt in Ferlinghettis eigene Vergangenheit und damit eine ziemlich originelle und ziemlich ungewöhnliche Autobiografie. Das Buch beginnt ganz unverfänglich, wie klassische Memoiren, mit den Kindheitserinnerungen, denen sich der Autor mit präzisem Blick fürs Detail und einem enormen Einfühlungsvermögen für den kindlichen Blick auf die Welt widmet – Ferlinghetti ist bei einer Tante im Elsass und später bei Pflegeeltern in Bronxville aufgewachsen, unweit von New York City. Doch ehe sich’s der Leser versieht, ist er mittendrin im Gedankenstrom des Autors, der im Nu von der Erzählung Besitz ergreift und die Dinge gehörig ins Wirbeln bringt.

Ungestillte Neugier und wilde Lebenslust sind es, die den Schreibenden da antreiben, während er im Caffe Trieste sitzt, „diesem großartigen kleinräumigen Café des Lebens“, und seine Erinnerungen die Wege einschlagen lässt, die sie nehmen wollen. Dabei spielen auch die Begegnungen im Café eine Rolle, etwa mit dem jungen Mann, der, mit Kopfhörern „verplombt“, in seinen Laptop tippt, mit einem verliebten Paar, das sich im Gehen beim Schreibenden dafür entschuldigt, dass sie so viel gekichert haben, und mit dem Mann am Nebentisch, der derart in seine Lektüre versunken ist, dass der Autor seinen Erinnerungsstrom unterbricht, weil er nicht mehr anders kann als seinen Nebensitzer zu fragen, was es denn nun sei, was er da lese.

„Little Boy“ (Kleiner Junge), so bezeichnet sich Ferlinghetti durchs ganze Buch hindurch selbst, ist „herangewachsen als abtrünniger Romantiker und romantischer Abtrünniger“. Und wer sich auf das Wagnis einlässt, dieser Figur durch das nur gut zweihundert Seiten starke Buch zu folgen, bekommt nichts weniger präsentiert als das Kaleidoskop eines prallen Lebens. Ferlinghetti erzählt von der Landung in der Normandie am D-Day, bei der er selbst als Soldat dabei war. Von  seiner seiner Zeit in Paris, wo er sich als Student danach verzehrt, ein berühmter Dichter zu werden, aber keine einzige Zeile schreibt (dafür aber Jean-Paul Sartre im Café so lange auf die Nerven geht, bis der Philosoph den Kellner ruft, um den jungen Amerikaner hinauszuwerfen). Von seinen Freunden unter den Beat-Autoren, allen voran Allen Ginsberg, dessen missliche Lage zugleich sein süßes Glück war und darin bestand, sich vor allem in heterosexuelle Männer zu verlieben, weswegen Ginsberg dann viel Mühe darauf verwandte, seine Angebeteten davon zu überzeugen, ihre sexuelle Orientierung zu hinterfragen. Und von Jack Kerouac, dem ewig und rastlos Suchenden, mit seiner Holzfällerstatur und seinem zarten Wesen.

Nicht zuletzt ist Little Boy – und einige der stärksten und schönsten Passagen des Buchs  drehen sich eben darum – eine Reflexion auf das Erinnern selbst, und auf die beiden Determinanten, um die Ferlinghettis Erinnerungen kreisen: das Leben und das Schreiben.

Was „soll all unser Schreiben über Männer und Frauen“, ruft Ferlinghetti von seinem Tisch im Caffe Trieste aus, „wenn es nicht auf dieser Daseinskraft beruht die im Herzen des Verlangens wurzelt“.

Das Leben selbst ist für ihn, letzten Endes, „absurd – vor allem, wie es um die Ecke kommt“. Und so verwundert es auch nicht, dass er die Aufgabe der Dichter im Kern darin sieht, unentwegt genau das zu wagen: Constantly risking absurdity, so lautet der der Titel eines seiner wohl schönsten Gedichte.

Lawrence Ferlinghetti ist vor wenigen Tagen, einen Monat vor seinem 102. Geburtstag, in San Francisco gestorben. Viva Ferlinghetti!

Lawrence Ferlinghetti: Little Boy. Aus dem Englischen von Ron Winkler, Schöffling & Co. 2019, 213 Seiten.

Cover von "Little Boy"
Cover von „Little Boy“

Lawrence Ferlinghetti konnte man an vielen Ecken begegnen: In dem von ihm gegründeten und bis heute traumhaft schönen City Lights Bookstore in San Francisco, wo er 1956 Allen Ginsbergs monumentales Beat-Gedicht Howl herausbrachte und sich damit eine Anklage wegen „Verbreitung von Obszönität“ einhandelte, rund um seine kleine Hütte im wilden kalifornischen Küstenstrich Big Sur, in der Jack Kerouac mehrfach erfolglos versuchte, seine Alkoholsucht in den Griff zu kriegen, bei seinen regelmäßigen Stippvisiten in Shakespeare & Company, dem legendären englischen Buchladen in Paris – und natürlich in seinen Gedichten, allen voran dem Buch A Coney Island of the Mind (1958), das in den USA zu den wenigen Gedicht-Bestsellern der Literaturgeschichte zählt.

Und dann gibt es da noch das Caffe Trieste in San Francisco, gleich um die Ecke von Ferlinghettis Buchladen. Hier konnte man ihn, den alten Mann mit dem weißen Bart und dem warmen Lächeln, noch bis vor kurzem und in zuverlässiger Regelmäßigkeit antreffen, wie er an einem der Tische am Fenster saß und in sein Notizbuch kritzelte. Und nicht weniger derer, die – wissentlich oder unwissentlich – in seiner Nähe Platz genommen haben, haben es in seinen letzten Roman geschafft: Little Boy, der 2019 sowohl im Original, als auch in einer eindrucksvoll gelungenen deutschen Übersetzung erschienen ist.

Genau genommen ist Little Boy überhaupt kein Roman, sondern eine literarische Abenteuerfahrt in Ferlinghettis eigene Vergangenheit und damit eine ziemlich originelle und ziemlich ungewöhnliche Autobiografie. Das Buch beginnt ganz unverfänglich, wie klassische Memoiren, mit den Kindheitserinnerungen, denen sich der Autor mit präzisem Blick fürs Detail und einem enormen Einfühlungsvermögen für den kindlichen Blick auf die Welt widmet – Ferlinghetti ist bei einer Tante im Elsass und später bei Pflegeeltern in Bronxville aufgewachsen, unweit von New York City. Doch ehe sich’s der Leser versieht, ist er mittendrin im Gedankenstrom des Autors, der im Nu von der Erzählung Besitz ergreift und die Dinge gehörig ins Wirbeln bringt.

Ungestillte Neugier und wilde Lebenslust sind es, die den Schreibenden da antreiben, während er im Caffe Trieste sitzt, „diesem großartigen kleinräumigen Café des Lebens“, und seine Erinnerungen die Wege einschlagen lässt, die sie nehmen wollen. Dabei spielen auch die Begegnungen im Café eine Rolle, etwa mit dem jungen Mann, der, mit Kopfhörern „verplombt“, in seinen Laptop tippt, mit einem verliebten Paar, das sich im Gehen beim Schreibenden dafür entschuldigt, dass sie so viel gekichert haben, und mit dem Mann am Nebentisch, der derart in seine Lektüre versunken ist, dass der Autor seinen Erinnerungsstrom unterbricht, weil er nicht mehr anders kann als seinen Nebensitzer zu fragen, was es denn nun sei, was er da lese.

„Little Boy“ (Kleiner Junge), so bezeichnet sich Ferlinghetti durchs ganze Buch hindurch selbst, ist „herangewachsen als abtrünniger Romantiker und romantischer Abtrünniger“. Und wer sich auf das Wagnis einlässt, dieser Figur durch das nur gut zweihundert Seiten starke Buch zu folgen, bekommt nichts weniger präsentiert als das Kaleidoskop eines prallen Lebens. Ferlinghetti erzählt von der Landung in der Normandie am D-Day, bei der er selbst als Soldat dabei war. Von  seiner seiner Zeit in Paris, wo er sich als Student danach verzehrt, ein berühmter Dichter zu werden, aber keine einzige Zeile schreibt (dafür aber Jean-Paul Sartre im Café so lange auf die Nerven geht, bis der Philosoph den Kellner ruft, um den jungen Amerikaner hinauszuwerfen). Von seinen Freunden unter den Beat-Autoren, allen voran Allen Ginsberg, dessen missliche Lage zugleich sein süßes Glück war und darin bestand, sich vor allem in heterosexuelle Männer zu verlieben, weswegen Ginsberg dann viel Mühe darauf verwandte, seine Angebeteten davon zu überzeugen, ihre sexuelle Orientierung zu hinterfragen. Und von Jack Kerouac, dem ewig und rastlos Suchenden, mit seiner Holzfällerstatur und seinem zarten Wesen.

Nicht zuletzt ist Little Boy – und einige der stärksten und schönsten Passagen des Buchs  drehen sich eben darum – eine Reflexion auf das Erinnern selbst, und auf die beiden Determinanten, um die Ferlinghettis Erinnerungen kreisen: das Leben und das Schreiben.

Was „soll all unser Schreiben über Männer und Frauen“, ruft Ferlinghetti von seinem Tisch im Caffe Trieste aus, „wenn es nicht auf dieser Daseinskraft beruht die im Herzen des Verlangens wurzelt“.

Das Leben selbst ist für ihn, letzten Endes, „absurd – vor allem, wie es um die Ecke kommt“. Und so verwundert es auch nicht, dass er die Aufgabe der Dichter im Kern darin sieht, unentwegt genau das zu wagen: Constantly risking absurdity, so lautet der der Titel eines seiner wohl schönsten Gedichte.

Lawrence Ferlinghetti ist vor wenigen Tagen, einen Monat vor seinem 102. Geburtstag, in San Francisco gestorben. Viva Ferlinghetti!

Lawrence Ferlinghetti: Little Boy. Aus dem Englischen von Ron Winkler, Schöffling & Co. 2019, 213 Seiten.