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Astrid Braun mit Buchempfehlungen zum Weltfrauentag

Zum 8. März, dem Internationalen Weltfrauentag sind die drei nachfolgenden und erst kürzlich erschienenen Bücher eine warme Empfehlung.
Nacheinander Judith Kuckart, Das Café der Unsichtbaren; Bernardine Evaristo, Manifesto und Bettina Flitner, Meine Schwester.

Foto: Astrid Braun
Foto: Astrid Braun

Unsichtbar bleiben alle, die bei einem Sorgentelefon e.V. anrufen, unsichtbar sind aber in der Regel auch die ehrenamtlichen Gesprächspartner, die in 4-Stunden-Schichten Tag und Nacht am Telefon sitzen, um sich die Sorgen wildfremder Menschen anzuhören und möglichst nicht weitere Rat-Schläge auszuteilen. Judith Kuckart hat sich sieben Ehrenamtler ausgedacht, zwei Männer und fünf Frauen unterschiedlichen Alters und Herkunft und lauscht über die Osterfeiertage auch deren Sorgen im Berlin dieser Tage. Denn so verschieden sind sie sich nicht: „Wer tröstet hier eigentlich wen.“
Ein tolles Thema, das die Autorin, die auch als Dramaturgin und Tänzerin arbeitet, in kunstvoll ineinandergeschobenen Szenen inszeniert. Während die Ostertage ja den Wandel von Martyrium zur Auferstehung durchschreiten, ist die Vorstellung von Zeit im Roman eine andere, hier wird ausfabuliert wie Gegenwart und Erinnerung ineinanderfallen. In der Erinnerung kehrt das Erlebte lebhaft zurück.
Auch wenn die Abfolge der Szenen nicht immer leicht und schnell zu durchschauen ist, haftet diesem Roman eine besondere Magie an, besonders die einzige Ich-Erzählerin im Text, die älteste der Ehrenamtler:innen mit dem sprechenden Namen ‚von Schrey‘, der Rest des Romans ist auktorial erzählt, darf mit ihren 80 Jahren auch mal auf den Punkt bringen: „Sie (i.E. die Anrufer) waren einfach nur ausgemusterte, angeknackste, zerkratzte Schallplatten, denen keine B-Seite mehr zur Verfügung stand, wenn sie ihre Not noch einmal wenden wollten.“

Judith Kuckart: Das Café der Unsichtbaren. Verlag Dumont, Köln, 210 Seiten, 23 Euro

Foto: Astrid Braun
Foto: Astrid Braun

Wer sie einmal online oder gar live erlebt hat, wird von ihrer Lebendigkeit angesteckt. Bernadine Evaristo, erste schwarze Autorin aus Groß-Britannien, die den Booker-Preis 2019 für ihren Roman „Mädchen, Frau etc“ gewonnen hat, strahlt eine enorme Power aus wie die weiblichen Protagonistinnen in dem erwähnten Roman. Ihre Autobiografie ist zum „Manifest“ geworden. Als 10. Kind eines Nigerianers und einer Britin geboren, in einem ärmlichen Vorort Londons aufgewachsen, ist ihre Parole sich durchzusetzen, niemals aufzugeben und dem Rassismus und Mysogynie den Kampf anzusagen.
Ihre Autobiografie ist schnörkellos geschrieben, sie nutzt keine besonderen Kunstgriffe, ihr Leben zu erzählen. Das Buch ist in sieben Kapitel eingeteilt, dem Teil 1 Herkunft, Kindheit,Familie, Ursprünge folgt Teil 2 Häuser, Wohnungen, Zimmer, Zuhause, Teil 3 erzählt von Frauen und Männern, die kamen und gingen, Teil 4 konzentriert sich auf ihre Wirkungsstätten Theater, Community, Performance, Politik, Teil 5 auf die literarischen Bereiche Lyrik, Roman, Versroman, fusion fiction, Teil 6 greift zurück auf Einflüsse, Quellen, Sprache, Bildung und Teil 7 rundet ab mit Das Ich, Ehrgeiz, Wandlung, Aktivismus.
Keine Frage, Bernadine Evaristo war und ist rasant unterwegs, hat sehr deutliche Ansichten und rät jedem, sich jemals zu vergleichen. Auch das Konzept des Scheiterns lehne sie ab, schreibt Evaristo.
Ihr zentrales Anliegen: „Als Autorin war es immer mein Projekt, die afrikanische Diaspora – die vergangene und gegenwärtige, die echte und die erdachte – multiperspektivisch zu beleuchten. Die Bezeichnung ‚Schwarze Autorin‘ trage ich mit Stolz, denn in einer rassifizierten Gesellschaft ist es meines Erachtens notwendig, sich auf diese Erzählungen zu konzentrieren.“

Bernadine Evaristo: Manifesto. Warum ich niemals aufgebe. Aus dem Englischen von Tanja Handels. Tropen, Stuttgart 2022. 256 Seiten, 20 Euro

 

Cover: Kiepenheuer & Witsch
Cover: Kiepenheuer & Witsch

Bettina Flitner kennt man eigentlich als Fotografin und als Frau von Alice Schwarzer. Häufig kombiniert sie Fotografien und Text wie – um nur ein Beispiel zu nennen: Väter und Töchter. 
Das Foto auf dem Cover zu ihrem kürzlich erschienene Buch „Meine Schwester“ stammt von ihr und zeigt sie mit ihrer Schwester. “ Hier ist meine Schwester. Und dahinter bin ich. Wir spiegeln uns im Glas. Ich sehe sie an und sie mich. Das Spiegel­bild der anderen. Die Kamera ist auf uns gerichtet. Ich drücke auf den Auslöser. Die Blende öffnet sich. Eine 30stel-Sekunde lang. Eine Ewigkeit.“
In dem vorliegenden Buch erzählt Flitner ungleich mehr als nur das Porträt einer geliebten Familienangehörigen, die sich 2018 das Leben genommen hat und ihrer Mutter, die sich mit 47 Jahren das Leben nahm, in den Freitod folgte.
Die drei Jahre ältere Schwester hat mit Bettina Flitner Kindheit und Jugend in den 60er, 70er Jahren verbracht und war über lange Zeit hinweg ein Vorbild, bevor sich aus dem Vorbild eine ängstliche, dem Leben nicht mehr gewachsene, tief verzweifelte Frau entwickelte. Der Name Flitner ist unter Pädagogen mehr als bekannt, Onkel und Großvater waren renommierte Professoren für Pädagogik. Die eingeflochtenen Familienanekdoten sind voller Witz, Flitner ist eine begnadete Erzählerin, die vieles auch mit Humor schildert. Wie sie Zeitgeschichte und Familienbande ineinander webt, ist mehr als nur ein Erinnerungsbuch.
Zwischendurch lebt die Familie ein halbes Jahr in New York. Immer mal wieder tauchen bekannte oder sogar berühmte Namen des 20. Jahrhunderts auf. „Meine Eltern werden einer kleinen älteren Frau vorgestellt und begrüßen sie ehrfürchtig. Sie nickt auch meiner Schwester und mir freundlich zu“, heißt es in dem Buch. Die kleine ältere Frau ist Hannah Arendt. Die Chronologie der Ereignisse hat Flitner ganz bewusst aufgebrochen.
Das Buch ist Schmerzbewältigung und wieder hergestellte Nähe.

Barbara Flitner: Meine Schwester. Verlag Kiepenheuer & Witsch, 320 Seiten, 23 Euro
Als ungekürzte Lesung mit Julia Nachtmann (1 mp3-CD) CD-ROM–MP3-Audio, 22,80

 

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