Unter der Leitung und Moderation durch Michael Seehoff empfing das Stuttgarter Schriftstellerhaus am 16. Dezember 2025 den Schriftsteller Joachim Zelter zum Werksattgespräch. Der Wahl-Tübinger hatte seinen neuen Roman Hoch oben im Gepäck. Im Gespräch mit Michael Seehoff entwickelte er die Heldenreise seines Protagonisten Jeremy Ash und gab anhand zahlreicher Lesestellen einen Einblick in den Roman.

Der Auftakt des Abends hätte besser nicht sein können: Um die Zeit bis zum Beginn der eigentlichen Lesung zu überbrücken, las Joachim Zelter im Stil eines Vorfilms aus seinen Briefen aus Amerika. Die Briefe stellen die Initialzündung zu seinem Leben als Schriftsteller dar, wie er das anwesende Publikum wissen lässt. Und sie zeigen schon: dieser Abend steht unter dem Zeichen des Absurden. Denn der Brief, den Zelter wählt, enthält nichts weniger als einen Abriss seiner Lehrtätigkeit in Amerika und die Problematik, den amerikanischen Studierenden die Finessen der deutschen Sprache mit all ihren Ausnahmen, für die es keine Regeln gibt, näher zu bringen. Allein diese Lesestelle zeigte auch: Joachim Zelter ist nicht nur ein sehr kluger Autor, sondern weiß es auch, sein Publikum durch die Art und Weise seines Lesestils in seinen Bann zu ziehen.
Von diesem Lese-, oder besser Vorlesestil wird man sich noch reichlich an dem Abend überzeugen können, dann nämlich, wenn Joachim Zelter aus Hoch oben liest. Michael Seehoff führte durch den Abend und in das Werk ein. Kenntnisreich befragte er den Autor nach den verschiedenen Textstellen, ordnete ein und fühlt dem Autor auf den Zahn.
Mit Hoch oben liegt ein Roman vor, der den Protagonisten Jeremy Ash auf dem Weg zu seiner Schwester zunächst ins Krankenhaus bringt. Verunfallt auf der Fahrt durch Süddeutschland und konfrontiert mit Städtenamen, die allesamt auf „-ingen“ enden, landet der Brite im Krankenhaus der Universitätsstadt Karlsberg, dem „Oxford für Schwaben“. Der Bürgermeister der Stadt wird eine wichtige Rolle spielen und er wird zum Antagonisten des Protagonisten. Bereits in der Szene des ersten Aufeinandertreffens beider Figuren auf dem Krankenhausdach, auf dem der Bürgermeister vor den anwesenden Patient:innen eine Rede hält und nicht müde wird, sich durch Zahlen, Daten und Fakten zu hangeln, wird die Absurdität des gesamten Szenarios deutlich. Dass Ash nicht ausreichend krankenversichert ist und deshalb die Kosten seiner Behandlung anhand von Sozialstunden im ortsansässigen Kindergarten stunden muss, wirkt bei all der Absurdität, mit der der Roman angelegt ist, schon beinahe normal. Leserinnen wie Leser begleiten den Protagonisten sodann auf seinem Weg zur Genesung und seiner Arbeit im Kindergarten. Allgegenwärtig ist aber auch der Bürgermeister, auf den Ash dann auch eines Abends trifft. Ein ausbleibender nächtlicher Gruß gerät dann zur Verfolgungsjagd und treibt den Roman zu seinem Höhepunkt. Mit den Mitteln der Übertreibung jedenfalls wird eine Absurditätssteigerung erreicht, die seinesgleichen sucht.
Im Gespräch mit Michael Seehoff legte Joachim Zelter seine Inspirationsquellen (u.a. Kafka und der englische Schauerroman) offen und beleuchtete auch seine literarischen Verfahren. Neben dem vorliegenden Roman, der unbedingt der Lektüre wert ist, ist auch die Erfahrung, von Joachim Zelter vorgelesen zu bekommen, ein absolutes Highlight. Zelters Lesungen sind hervorragende Performances, die den Text auf eine andere Ebene ausweiten.
Wer den Abend verpasst hat, hat am 27. Januar 2026 die Möglichkeit, Joachim Zelter in der Stuttgarter Stadtbibliothek zu hören. Die Lektüre des Romans ist in jedem Fall eine Bereicherung, denn er ist auf ganz vielfältiger Ebene unterhaltsam und erhellend. Denn: Parallelen zu lebenden Personen und Orten – wenngleich mit literarischen Mitteln bearbeitet – sind in jedem Fall gewollt…


