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In Zeiten von Corona: Wolfgang Tischer

Wir blicken dieser Tage fast drei Monate auf die Corona-Pandemie und dem damit verbundenen Lockdown in weiten Teilen Deutschlands. Unsere Vorstandsmitglieder haben notiert, was Ihnen in dieser erzwungenen Pause so durch den Kopf gegangen ist.

Heute schreibt Wolfgang Tischer aus Neubulach:

Wolfgang Tischer im März 2020 nach der siebenstündigen Hyperion-Lesung (Foto: literaturcafe.de)
Wolfgang Tischer im März 2020 nach der siebenstündigen Hyperion-Lesung (Foto: literaturcafe.de)

Seit März 2020 sind nahezu alle meine bisherigen Einnahmequellen weggebrochen. Ich organisiere und moderiere Literaturveranstaltungen, ich berichte als Journalist über Literaturveranstaltungen, ich gebe Seminare für Autorinnen und Autoren. All das gibt es seitdem nicht mehr. Es begann mit der Leipziger Buchmesse, für die ich seit November 2019 geplant habe, und es dauert bis jetzt an.

Als Freiberufler habe ich Ende März sofort die von Bund und Land angekündigte Corona-Soforthilfe beantragt. Denn das Frühjahr ist wichtig für mich, die Einnahmen müssen mich bis über den immer schon schwächeren Veranstaltungssommer tragen.

Mein Antrag wurde abgelehnt. Man könne keine Corona-bedingten Einnahmeausfälle erkennen. Ich war schockiert – und habe Widerspruch eingelegt.

Erst die erneute Aufforderung der Landesbank Baden-Württemberg, ich möge meine Notlage bei den Betriebskosten in den drei Monaten nach Antragsstellung detailliert darlegen (Warum mussten das andere nicht tun, die das Geld sofort auf dem Konto hatten?), machten mir ein Problem bewusst, das mir bei Antragstellung gar nicht ins Auge gefallen war: Tatsächlich dient die Soforthilfe nur für die Deckung der Betriebskosten. Doch wie bei vielen Künstlern und Journalisten, sind diese bei mir relativ gering. Es war naiv, den Betrag anzusetzen, den ich zum Leben brauche, für Essen, Krankenversicherung und Altersabsicherung. Dafür war das Geld nicht gedacht. Ich war ein zweites Mal schockiert. Und auch die Personen in meinem Umfeld, die das Geld bereits erhalten hatten, waren schockiert und befürchten Rückzahlungen.

Doch ich wurde von Dritten darauf aufmerksam gemacht, dass die Antragsgrundlagen im laufenden Verfahren geändert wurden. Soloselbstständige können nun 1.180 Euro für die private Lebensführung ansetzten – für längstens drei Monate.

Bis heute warte ich auf eine Entscheidung aus Karlsruhe, wo mein Antrag bearbeitet wird.
Doch ich bin kreativ geblieben. Den ganzen seit Jahren geplanten und dann ausgefallenen Feierlichkeiten zur Hölderlins Geburtstag im März, setzte ich eine Marathon-Lesung des »Hyperion« entgegen. Die Resonanz der Zuhörer*innen war überwältigend. Selbst die Aufzeichnung wurde bislang über 4.500 Mal angesehen.

Und ich war genauso überwältigt von den Rückmeldungen zur Lesung von Camus’ »Die Pest« in einer Zeit, als das Buch vergriffen war. Zuschauer*innen haben mir Geld gespendet, worüber ich mich ebenfalls gefreut habe, wenngleich das Streaming in hoher Qualität auch technische Investitionen nötig machte. Ich wollte keinen Home-Office-Look, ich wollte nahezu Fernseh-Optik.

Die Zeit seit März war für mich eine aufregende Zeit – in vielerlei Hinsicht – und alles andere als ruhig. Mein letztes Projekt war die Lesung von Henry David Thoreaus »Walden«.

Das Buch (also nicht »Walden«, sonder DAS Buch an sich) war das perfekte Medium für die ruhige Zeit. Doch für Buchhandlungen gab es keine Ausnahme, als die Läden schließen mussten. Wo waren die lautstarken Stimmen der Schriftsteller*innen, die dagegen protestierten? Wo der offene Brief mit allen, die Rang und Namen haben? Gibt es überhaupt noch namhafte Mitglieder in den Autor*innenverbänden, die in den Reihen der Regierenden bekannt sind und dort Gehör finden? Vorbei die Zeit von Böll und Grass, über deren Stimmen im Hauptprogramm berichtet wurde.

Buchhändler*innen haben mir versichert, dass die Solidarität der Kunden groß war. Doch die anderen Stimmen in den Branchenmedien, die versicherten, man werde gestärkt aus diesen Zeiten hervorgehen, wirken wie das Pfeifen im Walde. Es nützt dem Buchhandel nicht, wenn das Unterhaltungsbedürfnis von amerikanischen Streaming-Anbietern erfüllt wird – indirekt staatlich gefördert. »Systemrelevant« war das Wort der Stunde. Buch und Buchhandlungen gehörten offenbar nicht dazu.

Sollte man also seinen Kindern sagen, dass sich Kultur nicht lohnt, dass es besser ist, in weltweiten Konzernen zu arbeiten? Die rettet man vorrangig, und man kann mit Kurzarbeitergeld daheim bleiben, und keine Landesbank fragt nach, ob man das Geld auch wirklich zum Leben braucht.

Wolfgang Tischer ist Journalist, Literaturkritiker und Dozent. Er ist Gründer und Herausgeber der mehrfach ausgezeichneten Website literaturcafe.de. Tischer ist der 2. Vorsitzende des Vereins Stuttgarter Schriftstellerhaus und den LeserInnen unserer Newsletter sowie TeilnehmerInnen an seinen Seminaren im Schriftstellerhaus bestens bekannt. Natürlich seit vielen Jahren auch als Stütze des Schriftstellerhauses.

Wir blicken dieser Tage fast drei Monate auf die Corona-Pandemie und dem damit verbundenen Lockdown in weiten Teilen Deutschlands. Unsere Vorstandsmitglieder haben notiert, was Ihnen in dieser erzwungenen Pause so durch den Kopf gegangen ist.

Heute schreibt Wolfgang Tischer aus Neubulach:

Wolfgang Tischer im März 2020 nach der siebenstündigen Hyperion-Lesung (Foto: literaturcafe.de)
Wolfgang Tischer im März 2020 nach der siebenstündigen Hyperion-Lesung (Foto: literaturcafe.de)

Seit März 2020 sind nahezu alle meine bisherigen Einnahmequellen weggebrochen. Ich organisiere und moderiere Literaturveranstaltungen, ich berichte als Journalist über Literaturveranstaltungen, ich gebe Seminare für Autorinnen und Autoren. All das gibt es seitdem nicht mehr. Es begann mit der Leipziger Buchmesse, für die ich seit November 2019 geplant habe, und es dauert bis jetzt an.

Als Freiberufler habe ich Ende März sofort die von Bund und Land angekündigte Corona-Soforthilfe beantragt. Denn das Frühjahr ist wichtig für mich, die Einnahmen müssen mich bis über den immer schon schwächeren Veranstaltungssommer tragen.

Mein Antrag wurde abgelehnt. Man könne keine Corona-bedingten Einnahmeausfälle erkennen. Ich war schockiert – und habe Widerspruch eingelegt.

Erst die erneute Aufforderung der Landesbank Baden-Württemberg, ich möge meine Notlage bei den Betriebskosten in den drei Monaten nach Antragsstellung detailliert darlegen (Warum mussten das andere nicht tun, die das Geld sofort auf dem Konto hatten?), machten mir ein Problem bewusst, das mir bei Antragstellung gar nicht ins Auge gefallen war: Tatsächlich dient die Soforthilfe nur für die Deckung der Betriebskosten. Doch wie bei vielen Künstlern und Journalisten, sind diese bei mir relativ gering. Es war naiv, den Betrag anzusetzen, den ich zum Leben brauche, für Essen, Krankenversicherung und Altersabsicherung. Dafür war das Geld nicht gedacht. Ich war ein zweites Mal schockiert. Und auch die Personen in meinem Umfeld, die das Geld bereits erhalten hatten, waren schockiert und befürchten Rückzahlungen.

Doch ich wurde von Dritten darauf aufmerksam gemacht, dass die Antragsgrundlagen im laufenden Verfahren geändert wurden. Soloselbstständige können nun 1.180 Euro für die private Lebensführung ansetzten – für längstens drei Monate.

Bis heute warte ich auf eine Entscheidung aus Karlsruhe, wo mein Antrag bearbeitet wird.
Doch ich bin kreativ geblieben. Den ganzen seit Jahren geplanten und dann ausgefallenen Feierlichkeiten zur Hölderlins Geburtstag im März, setzte ich eine Marathon-Lesung des »Hyperion« entgegen. Die Resonanz der Zuhörer*innen war überwältigend. Selbst die Aufzeichnung wurde bislang über 4.500 Mal angesehen.

Und ich war genauso überwältigt von den Rückmeldungen zur Lesung von Camus’ »Die Pest« in einer Zeit, als das Buch vergriffen war. Zuschauer*innen haben mir Geld gespendet, worüber ich mich ebenfalls gefreut habe, wenngleich das Streaming in hoher Qualität auch technische Investitionen nötig machte. Ich wollte keinen Home-Office-Look, ich wollte nahezu Fernseh-Optik.

Die Zeit seit März war für mich eine aufregende Zeit – in vielerlei Hinsicht – und alles andere als ruhig. Mein letztes Projekt war die Lesung von Henry David Thoreaus »Walden«.

Das Buch (also nicht »Walden«, sonder DAS Buch an sich) war das perfekte Medium für die ruhige Zeit. Doch für Buchhandlungen gab es keine Ausnahme, als die Läden schließen mussten. Wo waren die lautstarken Stimmen der Schriftsteller*innen, die dagegen protestierten? Wo der offene Brief mit allen, die Rang und Namen haben? Gibt es überhaupt noch namhafte Mitglieder in den Autor*innenverbänden, die in den Reihen der Regierenden bekannt sind und dort Gehör finden? Vorbei die Zeit von Böll und Grass, über deren Stimmen im Hauptprogramm berichtet wurde.

Buchhändler*innen haben mir versichert, dass die Solidarität der Kunden groß war. Doch die anderen Stimmen in den Branchenmedien, die versicherten, man werde gestärkt aus diesen Zeiten hervorgehen, wirken wie das Pfeifen im Walde. Es nützt dem Buchhandel nicht, wenn das Unterhaltungsbedürfnis von amerikanischen Streaming-Anbietern erfüllt wird – indirekt staatlich gefördert. »Systemrelevant« war das Wort der Stunde. Buch und Buchhandlungen gehörten offenbar nicht dazu.

Sollte man also seinen Kindern sagen, dass sich Kultur nicht lohnt, dass es besser ist, in weltweiten Konzernen zu arbeiten? Die rettet man vorrangig, und man kann mit Kurzarbeitergeld daheim bleiben, und keine Landesbank fragt nach, ob man das Geld auch wirklich zum Leben braucht.

Wolfgang Tischer ist Journalist, Literaturkritiker und Dozent. Er ist Gründer und Herausgeber der mehrfach ausgezeichneten Website literaturcafe.de. Tischer ist der 2. Vorsitzende des Vereins Stuttgarter Schriftstellerhaus und den LeserInnen unserer Newsletter sowie TeilnehmerInnen an seinen Seminaren im Schriftstellerhaus bestens bekannt. Natürlich seit vielen Jahren auch als Stütze des Schriftstellerhauses.