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Peter Frömmig: „Würdigung von Henning Ziebritzki, Huchel-Preisträger des Jahres 2020“

Vom Wirken der gefiederten Wesen
Diesmal geht der Peter-Huchel-Preis für deutschsprachige Lyrik an den 1961 geborenen, in Tübingen lebenden Dichter Henning Ziebritzki, den wir noch im Februar 2020 im Schriftstellerhaus begrüßen und seiner Lesung beiwohnen konnten.

Der Schriftsteller-Kollege Peter Frömmig hat über diesen Lyrikband eine sehr schöne Besprechung geschrieben, die wir den LeserInnen nicht vorenthalten möchten.

Wie die früheren Bücher, so ist auch Ziebritzkis 2019 erschienenes, jetzt preisgekröntes „Vogelwerk“ über einen längeren Zeitraum, nämlich zwischen 2013 und 2018 entstanden: das nennt man „einen langen Atem haben“. Und das macht auch das sprachgesättigte Gefüge der gerade einmal zweiundfünfzig Gedichte zu je elf Versen mit jeweils unterschiedlichen Längeneinheiten aus. Man könnte sich nur fragen, warum die Gedichte, die durchwegs mit dem Namen einer Vogelart betitelt sind, in diese strenge Form gezwängt wurden. Vielleicht, um ihren zyklischen Charakter, ihre thematische Einheit auch typografisch zu betonen? Sei’s drum. Unter den bedichteten Vögeln kommen zwar einige häufig bei uns anzutreffende wie Amsel, Hausperling und Straßentaube vor, doch die meisten im Buch werden inzwischen zu den bedrohten Arten gezählt. Jährlich wird unter diesen durch den Naturschutzbund Deutschland (NABU) und dem Landesbund für Vogelschutz in Bayern (LBV) ein „Vogel des Jahres“ ausgewählt, um auf dessen Gefährdung durch das Schwinden seiner Lebensräume hinzuweisen. 2019 war es die Feldlerche (sie kommt hier vor), dieses Jahr ist die Turteltaube an der Reihe.

Auch Graureiher, Kleiber, Mehl- und Rauchschwalbe, Zaunkönig und Kormoran, die ins „Vogelwerk“ aufgenommen wurden, sind auf der Roten Liste des Vogelschutzes. Das ist wohl nicht zufällig, geht aber sicher über alleine moralische Beweggründe hinaus. Nach der Lektüre von Henning Ziebritzkis Poemen muss man jedenfalls das Aussterben eines jeden dieser Vögel nur noch mehr als einen großen Verlust betrachten. Seine Momentaufnahmen und Erkundungen in der bunten Vogelwelt haben an vielen verschiedenen, manchmal weit entfernten Orten stattgefunden. Bisweilen wurde die Beschäftigung mit einer bestimmten Vogelart erst im Nachhinein, durch Erinnerungsreflexe, Gefühls- und Seelenzustände ausgelöst. Zumeist aber ist es das plötzliche Aufmerken gewesen, die Zufallsbegegnung, der besondere Augenblick des Innehaltens bei akribischer Wahrnehmung der Farben und Muster eines Gefieders, die Besonderheit eines Vogels, seiner Bewegungsabläufe, seines Flug- und Brutverhaltens. Dies alles und noch mehr verbindet der Vogelkenner und Lyriker mit seiner Innenschau und Weltbetrachtung. Da kann der Klagelaut eines Vogels genügen, das „Leiden der Kreatur“ in unserem Zeitalter spürbar zu machen. „Soviel Erschrecken, soviel Möglichkeit in jedem Ton“ (Wanderfalke).

Interessant sind immer wieder die Anlässe, durch die Ziebritzki zu seinen kleinen Sprachkunstwerken fand, auf verschiedenen Wegen, an verschiedenen Orten. Auch durch Abbildungen, etwa auf einer Tapete (Ringeltaube) oder „dies Flattern / aus Panik und Agonie, gebannt / auf der Fläche einer Zigarettenschachtel“ (Kohlmeise). Beschrieben wird in einem der Gedichte, wie ein Kleiber nachgebildet, aus Pappmaché modelliert und koloriert wird. Dagegen die leibhaftige Rabenkrähe, „Mischklang von Drohung und Klage“, die sich am Inhalt eines Abfalleimers zu schaffen macht. Und dann der Graureiher: „Etwas Gesammeltes, Kraft, zarte Strahlen, die meinen Gang / zur Arbeit, an der Ammer kreuzen…“ Weiter weg, an der Nordsee, läuft ein Sanderling „rastlos die Wasserkante entlang“, während der Offshore-Windpark vor der Glut der untergehenden Sonne steht. Am Rand des vereisten Tempelhofer Felds erscheint ein „Gestrüpp, aus dem sich grauschwarz / eine Nebelkrähe spreizt“. Um den Kirchturm von Stari Grad sind es die Mauersegler, „aus dem Himmel, wie durch Luken, / geworfen, winzige Rümpfe, Segel, im hohen Wind…“. Und irgendwo sind es nur gewöhnliche Straßentauben: „Einbeinig hält eine die Balance, einer anderen fehlt ein Auge, / in der Sonne leuchtet orange das Kleinod, das ihr geblieben ist.“

Seit der Antike sind Vögel als Symbolträger in mythologischen und religiösen Zusammenhängen vorgekommen, man denke zum Beispiel an die weiße Taube als Teil der Trinität Gottes. Gerade die Poeten haben sich seit jeher mit den Luftgeschöpfen beschäftigt und identifiziert, doch weit entfernt sind heute die ernst zu nehmenden unter ihnen von Naturmagie oder Romantisierung. Jenseits der Sehnsucht, mit der Natur verschmelzen zu wollen, sich kontemplativ zu versenken und entrückt dem Vogelsang zu lauschen, kommt bei Ziebritzki das Trennende zum Ausdruck, das Gefährdete, allseits Rastlose, Beunruhigende und Verstörende der Entwicklungen in unserer Zeit. Und bei aller Kenntnis in der Sache ist hier nicht ein Ornithologe, sondern ein seismographisch orientierter Dichter am Werk, der sich schonungslos selbst einbringt, das Subjekt mit dem Objekt verbindet. Denn neben der Charakterisierung unterschiedlichster Exemplare aus der Vogelwelt sind die Gedichte zugleich Selbstporträts ihres Schöpfers. In ihrer sehr dichten, eigenartig verwobenen Textur verfangen sich auch viele Dinge heutiger Wirklichkeit wie in einem Sprachspeicher.

Durch die Anregung der gefiederten Wesen ist es Henning Ziebritzki gelungen, ein „Vogelwerk“ von besonderer Schönheit und Ausdruckskraft zu schaffen. Die Schönheit liegt zum einen im luftigen, gleichsam schwebenden Rhythmus der bildhaften Sprache selbst, zum andern in der inhaltlichen Spannung der Gedichte. Durch sein Augenmerk auf die ausgewählten Vogelarten findet Ziebritzki zur Eigenart seiner Lyrik und zu sich selbst. „Vogelwerk“ ist ein Büchlein, das allen Freunden der Vogelwelt und der Dichtkunst zu empfehlen ist.
Henning Ziebritzki: „Vogelwerk“, Wallstein Verlag, 64 Seiten, 18,00 Euro. ISBN: 978-3-8353-3554-7