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Silvesterempfehlung von Susanne Stephan: Der Briefwechsel der Aichinger-Schwestern

Aichinger in Susanne Stephans BibliothekIn unserer Reihe „Weihnachtsempfehlungen“, die in Silvester-Empfehlungen übergehen, ist Susanne Stephan an der Reihe, die uns den erstmals veröffentlichten Briefwechsel der Schwestern Ilse und Helga Aichinger empfiehlt.

Am 1. November 2021 wären die Zwillingsschwestern Ilse und Helga Aichinger 100 Jahre alt geworden; Ilse, die berühmte Schriftstellerin, starb am 11. November 2016 kurz nach ihrem 95. Geburtstag, Helga, die weniger bekannte bildende Künstlerin, zwei Jahre später.

Ilse Aichingers Gedichte begleiten mich seit langem; für einen Anthologiebeitrag habe ich jetzt vieles aus ihrem übrigen Werk wiedergelesen, nach sehr langer Zeit auch Die größere Hoffnung, ihr erster und einziger Roman, der 1948 bei Bermann-Fischer erschien und heute noch erstaunt. Es war eines der ersten Bücher über die Nazizeit in Wien aus der Perspektive der Verfolgten (auf viele andere Orte übertragbar): im Buch eine Gruppe Kinder, die sich bei heimlichen Treffen eine poetisch-surreale Gegenwelt schaffen, während eines nach dem anderen »verschwindet«, deportiert wird, oder bei einem Bombenangriff stirbt.

Helga Aichinger kann im Juli 1939 siebzehnjährig als Begleiterin eines Kindertransports nach England emigrieren, Ilse Aichinger bleibt in Wien bei der Mutter, die als ›Halbjüdin‹ gilt; von ihrem Mann lebt sie seit einiger Zeit getrennt. Erst nach acht Jahren, Ende 1947, werden sie Helga wiedersehen.

Ilse und Bertha Aichinger verbringen die Jahre von 1939 bis 1945 in wechselnden Zimmern, immer in Angst vor einem Zugriff der Gestapo, zu Zwangsarbeit verpflichtet; die Großmutter, eine Tante und ein Onkel werden deportiert. Helga heiratet 1941 in London einen österreichischen Emigranten und bekommt ein Jahr später eine Tochter, Ruth. All dies erfahren die in Wien Ausharrenden nur noch bruchstückhaft, denn der anfangs rege Briefwechsel ist seit Kriegsbeginn nicht mehr möglich; knappe Zeilen auf Rot Kreuz-Postkarten müssen für die wichtigsten Informationen reichen. Dennoch schreiben Ilse und ihre Mutter weiter Briefe, Ilse auch Gedichte und kurze Prosa, oft an die abwesende Helga gerichtet. Heute sind die Texte ein Dokument ihres bedrängten Lebens und der Not der Nachkriegszeit in Wien, aber auch der Entstehung von Die größere Hoffnung; im Roman finden sich einige in den Briefen geschilderte Episoden in grotesker Zuspitzung aufgegriffen, etwa der nötige Verkauf der Möbel.

Erst nach Kriegsende ist wieder ein Austausch nötig, aber es wird noch zwei Jahre dauern, bis Mutter und Tochter nach England reisen können, Jahre, in denen Ilse Aichinger ein Medizinstudium aufnimmt und an ihrem Roman feilt. Immer wieder wird sie in Wien von zurückgekehrten Emigranten angesprochen, die sie mit Helga verwechseln. 1949 erhält Helga eine kleine Rolle in Orson Wells‘ Film Der dritte Mann, künftiger Wien-Klassiker.

Der komplette Nachlass von Ilse Aichinger liegt in Marbach. Nikola Herweg, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Deutschen Literaturarchiv, hat jetzt den Briefwechsel der beiden Schwestern aus den Jahren 1939 bis 1947 herausgegeben und so kundig wie einfühlsam kommentiert. Auszüge aus literarischen Texten von Ilse Aichinger, Fotografien, Abbildungen einiger Radierungen von Helga Aichinger, verheiratete Michie, ergänzen den Band. Trotz aller Rede-, beziehungsweise Schreibseligkeit in diesen privaten Briefen äußert Ilse Aichinger bereits jene Gedanken über Reduktion und Schweigen, die sie für das eigene Schreiben für wesentlich hält. Im Februar 1946 schreibt sie an Helga: „Manchmal glaub ich, man muss zuerst schweigen lernen, bevor man spricht“, und wenig später: „Und ich kann auch nur schreiben, wenn ich mich irgendwie übergeh, das ist ja der Tribut, den man zahlt.“

Früh äußert sie Skepsis, was den literarischen Betrieb angeht: „Irgendetwas ist in mir, das treibt und brennt – aber es ist nicht Ehrgeiz – die sogenannte Öffentlichkeit ist mir schon jetzt zuwider…“ Aber dann ist es doch ganz lustig zu lesen, wie sie einmal von einem Treffen mit dem Ehepaar Bermann im vornehmen Wiener „Bristol“-Hotel berichtet, wo man ihr einen Wodka mit Soda reicht, den sie zu ihrem Bedauern gar nicht austrinken kann, weil ständig jemand mit ihr anstoßen will. Beim nächsten Mal, schreibt sie Helga, habe sie sich schon besser angestellt.

Helga und Ilse Aichinger: „Ich schreib für Dich und jedes Wort aus Liebe“. Briefwechsel, Wien-London 1939-1947. Herausgegeben, kommentiert und mit einem Nachwort von Nikola Herweg, Edition Korrespondenzen, Wien 2021, 380 Seiten, 28 Euro

 

Aichinger in Susanne Stephans BibliothekIn unserer Reihe "Weihnachtsempfehlungen", die in Silvester-Empfehlungen übergehen, ist Susanne Stephan an der Reihe, die uns den erstmals veröffentlichten Briefwechsel der Schwestern Ilse und Helga Aichinger empfiehlt. Am 1. November 2021 wären die Zwillingsschwestern Ilse und Helga Aichinger 100 Jahre alt geworden; Ilse, die berühmte Schriftstellerin, starb am 11. November 2016 kurz nach ihrem 95. Geburtstag, Helga, die weniger bekannte bildende Künstlerin, zwei Jahre später. Ilse Aichingers Gedichte begleiten mich seit langem; für einen Anthologiebeitrag habe ich jetzt vieles aus ihrem übrigen Werk wiedergelesen, nach sehr langer Zeit auch Die größere Hoffnung, ihr erster und einziger Roman, der 1948 bei Bermann-Fischer erschien und heute noch erstaunt. Es war eines der ersten Bücher über die Nazizeit in Wien aus der Perspektive der Verfolgten (auf viele andere Orte übertragbar): im Buch eine Gruppe Kinder, die sich bei heimlichen Treffen eine poetisch-surreale Gegenwelt schaffen, während eines nach dem anderen »verschwindet«, deportiert wird, oder bei einem Bombenangriff stirbt. Helga Aichinger kann im Juli 1939 siebzehnjährig als Begleiterin eines Kindertransports nach England emigrieren, Ilse Aichinger bleibt in Wien bei der Mutter, die als ›Halbjüdin‹ gilt; von ihrem Mann lebt sie seit einiger Zeit getrennt. Erst nach acht Jahren, Ende 1947, werden sie Helga wiedersehen. Ilse und Bertha Aichinger verbringen die Jahre von 1939 bis 1945 in wechselnden Zimmern, immer in Angst vor einem Zugriff der Gestapo, zu Zwangsarbeit verpflichtet; die Großmutter, eine Tante und ein Onkel werden deportiert. Helga heiratet 1941 in London einen österreichischen Emigranten und bekommt ein Jahr später eine Tochter, Ruth. All dies erfahren die in Wien Ausharrenden nur noch bruchstückhaft, denn der anfangs rege Briefwechsel ist seit Kriegsbeginn nicht mehr möglich; knappe Zeilen auf Rot Kreuz-Postkarten müssen für die wichtigsten Informationen reichen. Dennoch schreiben Ilse und ihre Mutter weiter Briefe, Ilse auch Gedichte und kurze Prosa, oft an die abwesende Helga gerichtet. Heute sind die Texte ein Dokument ihres bedrängten Lebens und der Not der Nachkriegszeit in Wien, aber auch der Entstehung von Die größere Hoffnung; im Roman finden sich einige in den Briefen geschilderte Episoden in grotesker Zuspitzung aufgegriffen, etwa der nötige Verkauf der Möbel. Erst nach Kriegsende ist wieder ein Austausch nötig, aber es wird noch zwei Jahre dauern, bis Mutter und Tochter nach England reisen können, Jahre, in denen Ilse Aichinger ein Medizinstudium aufnimmt und an ihrem Roman feilt. Immer wieder wird sie in Wien von zurückgekehrten Emigranten angesprochen, die sie mit Helga verwechseln. 1949 erhält Helga eine kleine Rolle in Orson Wells‘ Film Der dritte Mann, künftiger Wien-Klassiker. Der komplette Nachlass von Ilse Aichinger liegt in Marbach. Nikola Herweg, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Deutschen Literaturarchiv, hat jetzt den Briefwechsel der beiden Schwestern aus den Jahren 1939 bis 1947 herausgegeben und so kundig wie einfühlsam kommentiert. Auszüge aus literarischen Texten von Ilse Aichinger, Fotografien, Abbildungen einiger Radierungen von Helga Aichinger, verheiratete Michie, ergänzen den Band. Trotz aller Rede-, beziehungsweise Schreibseligkeit in diesen privaten Briefen äußert Ilse Aichinger bereits jene Gedanken über Reduktion und Schweigen, die sie für das eigene Schreiben für wesentlich hält. Im Februar 1946 schreibt sie an Helga: "Manchmal glaub ich, man muss zuerst schweigen lernen, bevor man spricht", und wenig später: "Und ich kann auch nur schreiben, wenn ich mich irgendwie übergeh, das ist ja der Tribut, den man zahlt." Früh äußert sie Skepsis, was den literarischen Betrieb angeht: "Irgendetwas ist in mir, das treibt und brennt – aber es ist nicht Ehrgeiz – die sogenannte Öffentlichkeit ist mir schon jetzt zuwider…" Aber dann ist es doch ganz lustig zu lesen, wie sie einmal von einem Treffen mit dem Ehepaar Bermann im vornehmen Wiener "Bristol"-Hotel berichtet, wo man ihr einen Wodka mit Soda reicht, den sie zu ihrem Bedauern gar nicht austrinken kann, weil ständig jemand mit ihr anstoßen will. Beim nächsten Mal, schreibt sie Helga, habe sie sich schon besser angestellt. Helga und Ilse Aichinger: "Ich schreib für Dich und jedes Wort aus Liebe". Briefwechsel, Wien-London 1939-1947. Herausgegeben, kommentiert und mit einem Nachwort von Nikola Herweg, Edition Korrespondenzen, Wien 2021, 380 Seiten, 28 Euro