Stuttgart liest ein Buch 2019

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    Vortrag über die “Generation 1939” im Hospitalhof

    Dr. Carsten Kretschmann hielt einen fesselnden Vortrag über die Generation 1939 dicht am Roman von Arno Geiger Foto: Michael Seehoff

    In seinem Vortrag unter dem Titel „Traumatisierte Kameraden? Möglichkeiten und Grenzen der Kriegsverarbeitung in der „Generation 1939“ erläuterte Dr. Carsten Kretschmann, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Historischen Institut der Universität Stuttgart, vor gut 100 Zuhörerinnen und Zuhörern zunächst den Unterschied zwischen Generation Jahrgang.
    Die Soldaten im Zweiten Weltkrieg waren überwiegend junge Männer im Alter von 18 – 25 Jahren, also aus den Jahrgängen 1914-1921. Von einer Generation spricht man, wenn eine etwa gleichaltrige Gruppe gemeinsame Erfahrungen und Lebensumstände teilt. Die Erlebnisse sind die zentralen Elemente zur Bildung einer „Generation“. Für die Generation 1939 waren es die Kriegserlebnisse: sechs Jahre Tod und Vernichtung, die sie nachhaltig geprägt hatten. Und das nicht nur auf der mentalen Ebene. Die körperlichen Erfahrungen wie gravierende Verletzungen, Wunden, Narben wurden in dieser Generation geteilt. Entscheidend: Die Gruppe konnte sich nicht über ihre Erlebnisse mit Außenstehenden verbinden. Wie hätte man jemandem, der nicht dabei gewesen ist, das Sterben von vielen Rotarmisten auf der gegnerischen Seite oder deren Gefangennahme vermitteln können? – Durch  eine Rhetorik der „Viktorisierung“.

    Vom Held zum Opfer

    Kretschmann machte deutlich, dass während der erfolgreichen Kriegshandlungen zu Anfang des Krieges noch der Soldat als Held im Fokus stand. Nach dem Zusammenbruch wurde schnell eine Opferrolle konstruiert. Die Menschen flüchteten sich in eine falsche Realität. Nach der Gewalteskalation verfielen viele in Schockstarre.
    Das alles referierte Dr. Carsten Kretschmann in enger Anlehnung an den Roman „Unter der Drachenwand“ aus dem er immer wieder Zitate herausgriff und auf eine Leinwand projizierte. Er wies anhand der Textstellen nach, wie genau Arno Geiger die Körperlichkeit und die Verletzungen beschrieben hat, die sich der Generation 1939 eingegraben hatten. Der Name des Soldaten „Veit“ ist die deutsche Version von Vitus, was so viel wie „der Lebendige“ bedeutet. Und doch wurden Veit im Krieg der Körper und auch seine Sinneswahrnehmungen beschädigt. Arno Geiger geht noch weiter, er personalisiert den Krieg sogar, wenn er schreibt: „So hatte der Krieg mich auch diesmal zur Seite geschleudert“. [S. 7] Und auch der verletzte Körper wird aktiv mit Naturmetaphern beschrieben: „Unter meinem Schlüsselbein lief das Blut in leuchtenden Bächen heraus, …“ [S. 7]

    Posttraumatische Belastungsstörung

    Aus dem Krieg kamen seelisch und körperlich verletzte Menschen. Heute beschreibt die Medizin und Psychologie das als posttraumatische Belastungen. Dieser Begriff tauchte erstmals im Vietnamkrieg auf. Ab 1980 ist der Begriff in der US Armee als Krankheitsbild anerkannt.
    Ganz anders nach dem zweiten Weltkrieg. Dr. Carsten Kretschmann hat hunderte von Akten aus den Krankenanstalten studiert (z. B. die aus Bethel). Minutiös werden von den Ärzten und Psychologen die Symptome der eingelieferten Soldaten beschrieben: Zittern, unkontrollierte Gefühlsausbrüche und v. a. m. Doch nicht um diesen Menschen zu helfen oder gar zu heilen. Die Ärzte waren angehalten herauszufinden, ob die psychisch Versehrten Rentenansprüche geltend machen konnten, ob es sich um eine kriegsbedingte Traumatisierung handelt oder vererbt ist (nicht rentenanspruchsberechtigt). Nur einem Bruchteil ehemaliger Soldaten wurden diese gewährt!
    Angst war das im Krieg präsente Gefühl. Befragungen großer Soldatengruppen belegen das.
    Nach dem Krieg und dem totalen Scheitern der NS-Versprechen setzte, so der Referent, eine große Desillusionierung ein, die eine innere Leere bei vielen Kriegsteilnehmern hinterließ. Im Krieg konnten sich die Soldaten noch mit der von der Wehrmacht vielfach eingesetzten Droge Pervitin gegen die Schrecken und die Belastungen betäuben. Die Wehrmacht, so ist bekannt, gab insgesamt 35 Millionen Dosen Pervitin aus, entfernt vergleichbar mit dem heutigen Crystal Meth. Diese Droge hatte auch geholfen, das unfassbar Erlebte zu betäuben. Auch Veit Kolbe ist von dieser Droge abhängig.
    Wer auf „Kraftquellen“ zurückgreifen konnte, der hatte Chancen, einigermaßen aus dieser Verstörung heraus zu kommen. Solche Kraftquellen konnten die Familie, der Glaube oder aber, wie bei Veit Kolbe, die Liebe sein.         Michael Seehoff

    Dr. Carsten Kretschmann hielt einen fesselnden Vortrag über die Generation 1939 dicht am Roman von Arno Geiger Foto: Michael Seehoff

    In seinem Vortrag unter dem Titel „Traumatisierte Kameraden? Möglichkeiten und Grenzen der Kriegsverarbeitung in der „Generation 1939“ erläuterte Dr. Carsten Kretschmann, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Historischen Institut der Universität Stuttgart, vor gut 100 Zuhörerinnen und Zuhörern zunächst den Unterschied zwischen Generation Jahrgang.
    Die Soldaten im Zweiten Weltkrieg waren überwiegend junge Männer im Alter von 18 – 25 Jahren, also aus den Jahrgängen 1914-1921. Von einer Generation spricht man, wenn eine etwa gleichaltrige Gruppe gemeinsame Erfahrungen und Lebensumstände teilt. Die Erlebnisse sind die zentralen Elemente zur Bildung einer „Generation“. Für die Generation 1939 waren es die Kriegserlebnisse: sechs Jahre Tod und Vernichtung, die sie nachhaltig geprägt hatten. Und das nicht nur auf der mentalen Ebene. Die körperlichen Erfahrungen wie gravierende Verletzungen, Wunden, Narben wurden in dieser Generation geteilt. Entscheidend: Die Gruppe konnte sich nicht über ihre Erlebnisse mit Außenstehenden verbinden. Wie hätte man jemandem, der nicht dabei gewesen ist, das Sterben von vielen Rotarmisten auf der gegnerischen Seite oder deren Gefangennahme vermitteln können? – Durch  eine Rhetorik der „Viktorisierung“.

    Vom Held zum Opfer

    Kretschmann machte deutlich, dass während der erfolgreichen Kriegshandlungen zu Anfang des Krieges noch der Soldat als Held im Fokus stand. Nach dem Zusammenbruch wurde schnell eine Opferrolle konstruiert. Die Menschen flüchteten sich in eine falsche Realität. Nach der Gewalteskalation verfielen viele in Schockstarre.
    Das alles referierte Dr. Carsten Kretschmann in enger Anlehnung an den Roman „Unter der Drachenwand“ aus dem er immer wieder Zitate herausgriff und auf eine Leinwand projizierte. Er wies anhand der Textstellen nach, wie genau Arno Geiger die Körperlichkeit und die Verletzungen beschrieben hat, die sich der Generation 1939 eingegraben hatten. Der Name des Soldaten „Veit“ ist die deutsche Version von Vitus, was so viel wie „der Lebendige“ bedeutet. Und doch wurden Veit im Krieg der Körper und auch seine Sinneswahrnehmungen beschädigt. Arno Geiger geht noch weiter, er personalisiert den Krieg sogar, wenn er schreibt: „So hatte der Krieg mich auch diesmal zur Seite geschleudert“. [S. 7] Und auch der verletzte Körper wird aktiv mit Naturmetaphern beschrieben: „Unter meinem Schlüsselbein lief das Blut in leuchtenden Bächen heraus, …“ [S. 7]

    Posttraumatische Belastungsstörung

    Aus dem Krieg kamen seelisch und körperlich verletzte Menschen. Heute beschreibt die Medizin und Psychologie das als posttraumatische Belastungen. Dieser Begriff tauchte erstmals im Vietnamkrieg auf. Ab 1980 ist der Begriff in der US Armee als Krankheitsbild anerkannt.
    Ganz anders nach dem zweiten Weltkrieg. Dr. Carsten Kretschmann hat hunderte von Akten aus den Krankenanstalten studiert (z. B. die aus Bethel). Minutiös werden von den Ärzten und Psychologen die Symptome der eingelieferten Soldaten beschrieben: Zittern, unkontrollierte Gefühlsausbrüche und v. a. m. Doch nicht um diesen Menschen zu helfen oder gar zu heilen. Die Ärzte waren angehalten herauszufinden, ob die psychisch Versehrten Rentenansprüche geltend machen konnten, ob es sich um eine kriegsbedingte Traumatisierung handelt oder vererbt ist (nicht rentenanspruchsberechtigt). Nur einem Bruchteil ehemaliger Soldaten wurden diese gewährt!
    Angst war das im Krieg präsente Gefühl. Befragungen großer Soldatengruppen belegen das.
    Nach dem Krieg und dem totalen Scheitern der NS-Versprechen setzte, so der Referent, eine große Desillusionierung ein, die eine innere Leere bei vielen Kriegsteilnehmern hinterließ. Im Krieg konnten sich die Soldaten noch mit der von der Wehrmacht vielfach eingesetzten Droge Pervitin gegen die Schrecken und die Belastungen betäuben. Die Wehrmacht, so ist bekannt, gab insgesamt 35 Millionen Dosen Pervitin aus, entfernt vergleichbar mit dem heutigen Crystal Meth. Diese Droge hatte auch geholfen, das unfassbar Erlebte zu betäuben. Auch Veit Kolbe ist von dieser Droge abhängig.
    Wer auf „Kraftquellen“ zurückgreifen konnte, der hatte Chancen, einigermaßen aus dieser Verstörung heraus zu kommen. Solche Kraftquellen konnten die Familie, der Glaube oder aber, wie bei Veit Kolbe, die Liebe sein.         Michael Seehoff