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Weihnachtsempfehlung von Susanne Martin: Tina Stroheker, „Hana oder Das böhmische Geschenk“

In unserer Reihe „Weihnachtsempfehlungen“ ist Susanne Martin an der Reihe, die uns den Roman „Hana oder Das böhmische Geschenk“ von Tina Stroheker ans Herz legt. 

Foto: Susanne Martin

2015 lernte die Autorin Tina Stroheker die tschechische Germanistin Hana Jüptnerová kennen. Hana, die in Vrchlabí/Hohenelbe lebte, war Deutschlehrerin, Übersetzerin, Dissidentin mit Kontakt zu Václav Havel. Sie ließ sich taufen, was im kommunistischen Regime der CSSR mutig war und setzte sich nach der Wende für die Versöhnung zwischen Tschechen und Deutschen ein. Sie war außerdem nicht nur Mutter zweier Söhne, sondern hatte auch 3 Pflegekinder.

Nach dem Tod von Hana Jüptnerová wollte die Familie Fotos aus ihrem Leben zeigen und bat Tina Stroheker, eine Auswahl zusammenzustellen. Und einige Monate später entschloss sich die Autorin, ein Album mit Bildern anzulegen und Texte dazu zu schreiben. Ihr Ziel: Keine Biographie, sondern ein poetisches Porträt.
Und so sind in diesem Album 67 Fotografien versammelt, die Hana Jüptnerová entweder selbst aufgenommen hat oder die sie in unterschiedlichen Phasen ihres Lebens zeigen. Es entsteht das vielschichtige Bild einer Frau, aber auch einer Landschaft, ihrer Familie, ihrer Heimat und ihres politischen Engagements. Einige dieser Bilder zeigen sie in ihren letzten Lebenswochen, die geprägt waren von einer schweren Krebserkrankung, in denen ich aber trotzdem die Herzenswärme, den Humor und die Offenheit dieser Frau erkennen konnte. Mich haben jedoch auch andere Bilder angesprochen, ein Blick auf den gedeckten Frühstückstisch, der Blick auf eine Baude im Riesengebirge oder die Elbe als kleines Gebirgsflüsschen.
Zu den Bildern hat Tina Stroheker einfühlsame Texte geschrieben, die von Hana erzählen, die aber auch Gedanken und Reflexionen über das, was sich in diesen Bildern ausdrücken könnte. “Es ist natürlich mein Album geworden im Sinne eines Satzes von Lars Brandt: Einzelne Menschen schreiben über einzelne Menschen”, schreibt die Autorin in ihrer Einführung zum ersten Bild.

Das Buch hat mich immer wieder sehr berührt, das Lächeln von Hana Jüptnerová, mal spitzbübisch, mal offen und freundlich, zeigte mir eine Frau, die ich gerne kennengelernt hätte. Die Landschaftsbilder aus dem Riesengebirge erinnerten mich an eine Reise in den polnischen Teil des Riesengebirges mit meiner Familie zu den Stätten der Kindheit meiner Mutter. Es ist ein spezielles Buch, das ich nicht mal so eben weggelesen habe, sondern das auf unserem Wohnzimmertisch lag und in das ich immer wieder einmal hineingeschaut habe, die Bilder betrachtete und auf mich wirken ließ. Der normale Mechanismus “wem das gefallen hat, gefällt auch das” greift hier nicht, sondern das ist ein Buch, das entdeckt werden will auf Empfehlungstischen oder anderen Wegen. Ich wünsche ihm jedenfalls viele Leser:innen wie mich, die auf es stoßen und die es wertschätzen! Hier ein Blick ins Buch.

Tina Stroheker: Hana oder das böhmische Geschenk. Alfred Kröner Verlag, Edition Hubert Klöpfer, Stuttgart, 2021, 24,70 Euro