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Moritz Hildt: „Eine unmögliche Lektüre: James Joyces Finnegans Wake. Bericht einer genüsslichen Irrfahrt“

HIldt-Finnegans Wake
Moritz Hildt liest Finnegans Wake © Moritz Hildt

Lesen hilft. Das tut es immer. Und warum nicht diese unmöglichen Zeiten zum Anlass nehmen, um sich einem unmöglichen Buch zu widmen?

So oder so ähnlich waren meine Gedanken, als ich vor einem guten Monat zu Finnegans Wake (1939) griff – jenem berüchtigten letzten Roman von James Joyce, dem in Sachen Unwägbarkeit, Unverständlichkeit und idiosynkratischem Größenwahn so ziemlich alles vorgeworfen worden ist. Ich war neugierig. Was folgt, ist eine Art Dokumentation eines sehr ungewöhnlichen Leseerlebnisses.

riverrun, past Eve and Adam’s, from swerve of shore to bend of bay, brings us by a commodius vicus of recirculation back to Howth Castle and Environs.

Schon diese Eröffnung lässt den Leser – mich zumindest – ziemlich ratlos zurück: Wieso um alles in der Welt beginnt Finnegans Wake denn mitten im Satz? Worauf bezieht sich Eve and Adam’s – geht es da um die beiden ersten Menschen, oder ist es vielleicht bloß der Name eines Pubs? Welchen Sinn haben die zwei lateinischen Worte (in etwa „weiträumige Stadt“)? Howth Castle, so viel weiß ich immerhin aus eigener Reiseerfahrung, ist eine mächtige alte Burg, die die Flussmündung der Liffey bewacht, und bei deren Environs, also der Umgebung, dürfte es sich demnach um die irische Hauptstadt Dublin handeln.

Soweit, so gut. Abseits der vielen Fragen, die dieser Eröffnungssatz aufwirft, ist da noch mehr: Die Worte ergeben eine wunderschöne, geradezu poetische Satzmelodie, die sich besonders beim lauten Lesen offenbart. – Und hierin, werde ich später begreifen, liegt einer der Schlüssel zum Verständnis von Finnegans Wake.

Seit meiner anfänglichen Verwunderung, die irgendwo zwischen neugierigem Staunen und meiner tiefen Ablehnung gegen jede Form von literarischer Megalomanie schwankte, ist viel Wasser die Liffey hinabgeflossen. Ich habe inzwischen verstanden, dass dieser Fluss, dessen Name auf Irisch „ein Leben“ bedeutet und der auf seinem nur gut hundert Kilometer langen Lauf eine nahezu perfekte Kreisbewegung vollführt, bevor er in der Bucht vor Dublin in die irische See mündet, eine zentrale Bedeutung in Finnegans Wake einnimmt. (Schon das erste Wort des Eröffnungssatzes, riverrun, verweist darauf.) Und ein paar andere Dinge meine ich,  auch noch verstanden zu haben …

Die Geschichte, die Finnegans Wake erzählt, ist im Grunde gar nicht so kompliziert. Für sich betrachtet hat sie außerdem so ziemlich alle Zutaten für eine spannende Story, bei der es ordentlich zur Sache geht: Die Themen kreisen um Versuchung, Schuld, Voyeurismus, Reue, Verleumdung und darum, was es heißt, ein guter Partner und ein guter Vater zu sein.

Humphrey C. Earwicker ist ein mittelalter, unspektakulärer Durchschnittstyp, der schnell nervös wird und dann zu stottern beginnt. In Chapelizod, einem Vorort von Dublin (durch den ebenfalls die Liffey fließt) betreibt er einen Pub. Über der Schankstube wohnt er mit seiner Frau Anna Livia, ihrer Tochter Izzy und den beiden Zwillingen Shem und Shaun, von denen der eine als Postbote arbeitet und sich der andere mit künstlerischen Ambitionen trägt.

Vor kurzem ist Humphrey im nahegelegenen Phoenix-Park von einem Spaziergänger ertappt worden. Wobei? Er hat jemanden heimlich beobachtet, soviel ist klar. Was aber genau passiert ist, erfahren wir nicht – ebensowenig wie sonst irgendwer im Roman. Als der Spaziergänger jedenfalls Humphrey anspricht, beginnt der sofort, sich umständlich zu rechtfertigen und bringt vor lauter Stottern kaum etwas heraus. Und erst das ist es, was die Gerüchtemühle in Gang setzt.

Die Geschichten, die schon bald durch ganz Dublin raunen (zumindest fühlt es sich für Humphrey so an), reichen von der Unterstellung, er habe zwei Frauen beim Urinieren im Busch zugeschaut, über die mit saftigen Details ausgemalte Szenerie, er wäre dort höchstpersönlich mit zwei Frauen sexuell zugange gewesen, bis hin zum Vorwurf, bei der entsprechenden Person habe es sich um seine eigene Tochter Izzy gehandelt. Und wie es so geht bei Verleumdungen, macht jeder Versuch, sie aus der Welt zu schaffen – seine Frau Anna Livia beauftragt schließlich sogar ihren literarisch begabten Sohn, einen öffentlichen Verteidigungsbrief zu verfassen, den der anderer Sohn, seines Zeichens Briefträger, zustellen soll – die ganze Angelegenheit nur noch vertrackter.

Soweit zur Handlung von Finnegans Wake. Nur: Fragen Sie mich besser nicht, wie lange ich gebraucht habe, um sie, auch nur in ihren groben Zügen, klar vor Augen zu kriegen. Genau genommen ist nämlich nichts klar in diesem Werk, und erst recht nicht offensichtlich – ganz und gar nichts. Der Hauptgrund dafür liegt in einer ebenso faszinierenden wie folgenschweren erzählerischen Entscheidung des Autors: Joyce erzählt den gesamten Roman als Traumspiel; mit großer Wahrscheinlichkeit ist es die Traumwelt des schuld- und reuebeladenen Humphrey Earwicker selbst, der der Leser dabei beiwohnt, und zwar über die Dauer einer ganzen Nacht hinweg.

Und wie sich die Liffey in ihrer fast kreisförmigen Bewegung den Weg zum Meer bahnt, so fließt auch alles in diesem literarischen Traum – ineinander, übereinander, durcheinander, und immer wieder in einer Kreisbewegung. So wird aus dem gebeutelten Humphrey C. Earwicker mal ein Jedermann schlechthin (Joyce spielt mit den Initialen des Namens seines Protagonisten und nennt ihn dann Here Comes Everybody – also: Hier Kommt Einjeder), mal wird er zum mächtigen Riesen Finn McCool aus der irischen Sagenwelt und mal scheint er gleich für ganz Dublin zu stehen. Auch seine Söhne nehmen immer wieder neue Persönlichkeiten und Personifikationen an, tauchen in unterschiedlichen Verkleidungen auf, und Humphreys Frau Anna Livia wird, in einem der schönsten Kapitel dieses sonderbaren Werks, zum Fluss Liffey.

Den philosophischen Hintergrund für seine kreisende Traumwelt holt sich Joyce bei dem von ihm sehr verehrten italienischen Denker Giambattisa Vico (1668 – 1744), der die gesamte Geschichte als einen zyklischen Prozess verstanden hat, in dem sich gewisse Ereignisse immer wiederholen. Das läuft Joyce natürlich wunderbar rein in sein erzählerisches Konzept. Nicht weniger reizvoll für ihn dürfte gewesen sein, dass nach Vico in jedem Zyklus erneut dieselbe Erbsünde vollzogen wird und stets dieselben Figuren unter neuem Namen wiederkehren.

In dieser Kreislauf-Dynamik liegt nicht zuletzt auch der Grund, warum Finnegans Wake in der Mitte eines Satzes einsetzt: Wer bis zur letzten Seite durchhält, wird mit der Einsicht belohnt, dass der erste Satz des Romans den letzten vervollständigt und wir damit also wieder am Beginn eines neuen Zyklus stehen.

Joyce war ein bekennender Fan von Lewis Carrolls Alice im Wunderland (1865), natürlich ebenfalls eine Traumgeschichte. An einer Stelle darin diskutiert Humpty Dumpty mit Alice über Semantik und erklärt ihr: „Wenn ich ein Wort verwende, dann bedeutet es genau, was ich es bedeuten lasse, und nichts anderes.“ Beim Lesen von Finnegans Wake habe ich mich mehrmals gefragt, ob Joyce diesen Spruch nicht beim Arbeiten am Manuskript über seinem Schreibtisch hängen hatte. Denn der Autor erweist sich hier selbst als Humpty Dumpty: Worte, Sinneinheiten und ganze Sätze – nichts ist vor ihm sicher. Der Text ist derart gespickt mit Wortspielen, Verdrehungen, Homonym-Vertauschungen, Assoziationen und Abstraktionen, dass es eine wahre Freude ist – in erster Linie natürlich vor allem für den Autor selbst. (Seine Frau Nora hat Joyce, während er am Manuskript zu Finnegans Wake saß, immer wieder laut auflachen hören.) Für mich als Leser hieß es hingegen, einen Mittelweg zu finden, damit meine Lesefreude nicht von der puren Fülle von Sinnzusammenhängen erstickt wird. Auf weiten Teilen ist mir das einigermaßen gut gelungen…

Lohnt es sich also, Finnegans Wake zu lesen? Auf alle Fälle sollte man es nicht eilig haben. Bei verwirrenden Passagen empfiehlt es sich, sie sich selbst laut vorzulesen, da Joyce den Sinn oft über den Klang seiner Worte transportiert. Und es hilft, Nachsicht gegenüber dem überbordenden Erfindungsreichtum des Autors zu üben, der mit seinen Wortspielen wohl über so ziemlich alle Stränge geschlagen hat, die man sich nur vorstellen kann. Wenn man sich aber auf die literarische Irrfahrt einlässt, die Finnegans Wake fraglos darstellt, und die getragen wird von scharfsinnigem Humor, von Begehren und Sehnsucht, und von einem liebevollen Blick auf unsere allzumenschlichen Unzulänglichkeiten, dann, so sage ich jetzt, nachdem ich mit dem Buch fertig bin, kann man sich auf ein wirklich und im Wortsinn einzigartiges Leseerlebnis gefasst machen.

Auf seiner Deutschlandreise 1928 machte der amerikanische Schriftsteller Thomas Wolfe eine geführte Bustour durch Frankfurt. Durch puren Zufall stieg er in denselben Bus, in dem auch James Joyce saß. In einem wunderbaren Brief an seine Schwester schildert Wolfe, wie Joyce im Kaisersaal plötzlich damit begann, in den Filzpantoffeln, die sie alle am Eingang hatten überziehen müssen, selbstversunken über den blankpolierten Parkettboden zu schlittern, in langen, grazilen Schlittschuh-Bewegungen. So stelle ich mir Joyce gerne vor: um sich selbst kreisend, dabei aber durch und durch gewitzt, unangepasst und mit einem erstaunlich präzisen Blick fürs Detail.

Und am Ende ist das, was mich wohl am meisten an Finnegans Wake beeindruckt, eine ganz spezielle Grundhaltung des Autors. Es ist dieselbe, die mich auch seinen Ulysses (1920) schlussendlich (und nach vielen Anläufen) hat tief ins Herz schließen lassen, und die keiner so gut auf den Punkt gebracht hat wie der britische Schriftsteller Anthony Burgess: Wenn wir Joyce „gelesen und auch nur ein Jota von seiner Substanz aufgenommen haben, kann weder die Literatur noch das Leben jemals wieder ganz so sein wie zuvor. Wir werden eine verwirrende Freude am Alltäglichen finden, die meistbesudelte Stadt als ein Diagramm des Himmels ansehen und uns gegen alle übermächtigen Widerstände einen kaum haltbaren Optimismus leisten.“

Lektüretipp:

Wer des Englischen nicht mächtig ist, steht mit Blick auf Finnegans Wake vor einem Problem, da eine Übersetzung dieser bis zum Übermaß mit Sinn gefüllten Sprache eine ganz eigene, möglicherweise letztlich unbewältigbare Herausforderung darstellt. Eine wunderbare Möglichkeit für den deutschen Leser, sich Joyces letztem Roman anzunähern, ist das bei Suhrkamp erschienene Bändchen Anna Livia Plurabelle. Es enthält das vielleicht schönste Kapitel aus Finnegans Wake im englischen Original sowie in drei deutschen Übersetzungen. Außerdem gibt’s darin noch eine überaus hilf- und aufschlussreiche Einführung von Klaus Reichert, der auch ich viel zu verdanken habe.

 

 

 

 

 

 

HIldt-Finnegans Wake
Moritz Hildt liest Finnegans Wake © Moritz Hildt
Lesen hilft. Das tut es immer. Und warum nicht diese unmöglichen Zeiten zum Anlass nehmen, um sich einem unmöglichen Buch zu widmen? So oder so ähnlich waren meine Gedanken, als ich vor einem guten Monat zu Finnegans Wake (1939) griff – jenem berüchtigten letzten Roman von James Joyce, dem in Sachen Unwägbarkeit, Unverständlichkeit und idiosynkratischem Größenwahn so ziemlich alles vorgeworfen worden ist. Ich war neugierig. Was folgt, ist eine Art Dokumentation eines sehr ungewöhnlichen Leseerlebnisses. riverrun, past Eve and Adam’s, from swerve of shore to bend of bay, brings us by a commodius vicus of recirculation back to Howth Castle and Environs. Schon diese Eröffnung lässt den Leser – mich zumindest – ziemlich ratlos zurück: Wieso um alles in der Welt beginnt Finnegans Wake denn mitten im Satz? Worauf bezieht sich Eve and Adam’s – geht es da um die beiden ersten Menschen, oder ist es vielleicht bloß der Name eines Pubs? Welchen Sinn haben die zwei lateinischen Worte (in etwa „weiträumige Stadt“)? Howth Castle, so viel weiß ich immerhin aus eigener Reiseerfahrung, ist eine mächtige alte Burg, die die Flussmündung der Liffey bewacht, und bei deren Environs, also der Umgebung, dürfte es sich demnach um die irische Hauptstadt Dublin handeln. Soweit, so gut. Abseits der vielen Fragen, die dieser Eröffnungssatz aufwirft, ist da noch mehr: Die Worte ergeben eine wunderschöne, geradezu poetische Satzmelodie, die sich besonders beim lauten Lesen offenbart. – Und hierin, werde ich später begreifen, liegt einer der Schlüssel zum Verständnis von Finnegans Wake. Seit meiner anfänglichen Verwunderung, die irgendwo zwischen neugierigem Staunen und meiner tiefen Ablehnung gegen jede Form von literarischer Megalomanie schwankte, ist viel Wasser die Liffey hinabgeflossen. Ich habe inzwischen verstanden, dass dieser Fluss, dessen Name auf Irisch „ein Leben“ bedeutet und der auf seinem nur gut hundert Kilometer langen Lauf eine nahezu perfekte Kreisbewegung vollführt, bevor er in der Bucht vor Dublin in die irische See mündet, eine zentrale Bedeutung in Finnegans Wake einnimmt. (Schon das erste Wort des Eröffnungssatzes, riverrun, verweist darauf.) Und ein paar andere Dinge meine ich,  auch noch verstanden zu haben … Die Geschichte, die Finnegans Wake erzählt, ist im Grunde gar nicht so kompliziert. Für sich betrachtet hat sie außerdem so ziemlich alle Zutaten für eine spannende Story, bei der es ordentlich zur Sache geht: Die Themen kreisen um Versuchung, Schuld, Voyeurismus, Reue, Verleumdung und darum, was es heißt, ein guter Partner und ein guter Vater zu sein. Humphrey C. Earwicker ist ein mittelalter, unspektakulärer Durchschnittstyp, der schnell nervös wird und dann zu stottern beginnt. In Chapelizod, einem Vorort von Dublin (durch den ebenfalls die Liffey fließt) betreibt er einen Pub. Über der Schankstube wohnt er mit seiner Frau Anna Livia, ihrer Tochter Izzy und den beiden Zwillingen Shem und Shaun, von denen der eine als Postbote arbeitet und sich der andere mit künstlerischen Ambitionen trägt. Vor kurzem ist Humphrey im nahegelegenen Phoenix-Park von einem Spaziergänger ertappt worden. Wobei? Er hat jemanden heimlich beobachtet, soviel ist klar. Was aber genau passiert ist, erfahren wir nicht – ebensowenig wie sonst irgendwer im Roman. Als der Spaziergänger jedenfalls Humphrey anspricht, beginnt der sofort, sich umständlich zu rechtfertigen und bringt vor lauter Stottern kaum etwas heraus. Und erst das ist es, was die Gerüchtemühle in Gang setzt. Die Geschichten, die schon bald durch ganz Dublin raunen (zumindest fühlt es sich für Humphrey so an), reichen von der Unterstellung, er habe zwei Frauen beim Urinieren im Busch zugeschaut, über die mit saftigen Details ausgemalte Szenerie, er wäre dort höchstpersönlich mit zwei Frauen sexuell zugange gewesen, bis hin zum Vorwurf, bei der entsprechenden Person habe es sich um seine eigene Tochter Izzy gehandelt. Und wie es so geht bei Verleumdungen, macht jeder Versuch, sie aus der Welt zu schaffen – seine Frau Anna Livia beauftragt schließlich sogar ihren literarisch begabten Sohn, einen öffentlichen Verteidigungsbrief zu verfassen, den der anderer Sohn, seines Zeichens Briefträger, zustellen soll – die ganze Angelegenheit nur noch vertrackter. Soweit zur Handlung von Finnegans Wake. Nur: Fragen Sie mich besser nicht, wie lange ich gebraucht habe, um sie, auch nur in ihren groben Zügen, klar vor Augen zu kriegen. Genau genommen ist nämlich nichts klar in diesem Werk, und erst recht nicht offensichtlich – ganz und gar nichts. Der Hauptgrund dafür liegt in einer ebenso faszinierenden wie folgenschweren erzählerischen Entscheidung des Autors: Joyce erzählt den gesamten Roman als Traumspiel; mit großer Wahrscheinlichkeit ist es die Traumwelt des schuld- und reuebeladenen Humphrey Earwicker selbst, der der Leser dabei beiwohnt, und zwar über die Dauer einer ganzen Nacht hinweg. Und wie sich die Liffey in ihrer fast kreisförmigen Bewegung den Weg zum Meer bahnt, so fließt auch alles in diesem literarischen Traum – ineinander, übereinander, durcheinander, und immer wieder in einer Kreisbewegung. So wird aus dem gebeutelten Humphrey C. Earwicker mal ein Jedermann schlechthin (Joyce spielt mit den Initialen des Namens seines Protagonisten und nennt ihn dann Here Comes Everybody – also: Hier Kommt Einjeder), mal wird er zum mächtigen Riesen Finn McCool aus der irischen Sagenwelt und mal scheint er gleich für ganz Dublin zu stehen. Auch seine Söhne nehmen immer wieder neue Persönlichkeiten und Personifikationen an, tauchen in unterschiedlichen Verkleidungen auf, und Humphreys Frau Anna Livia wird, in einem der schönsten Kapitel dieses sonderbaren Werks, zum Fluss Liffey. Den philosophischen Hintergrund für seine kreisende Traumwelt holt sich Joyce bei dem von ihm sehr verehrten italienischen Denker Giambattisa Vico (1668 – 1744), der die gesamte Geschichte als einen zyklischen Prozess verstanden hat, in dem sich gewisse Ereignisse immer wiederholen. Das läuft Joyce natürlich wunderbar rein in sein erzählerisches Konzept. Nicht weniger reizvoll für ihn dürfte gewesen sein, dass nach Vico in jedem Zyklus erneut dieselbe Erbsünde vollzogen wird und stets dieselben Figuren unter neuem Namen wiederkehren. In dieser Kreislauf-Dynamik liegt nicht zuletzt auch der Grund, warum Finnegans Wake in der Mitte eines Satzes einsetzt: Wer bis zur letzten Seite durchhält, wird mit der Einsicht belohnt, dass der erste Satz des Romans den letzten vervollständigt und wir damit also wieder am Beginn eines neuen Zyklus stehen. Joyce war ein bekennender Fan von Lewis Carrolls Alice im Wunderland (1865), natürlich ebenfalls eine Traumgeschichte. An einer Stelle darin diskutiert Humpty Dumpty mit Alice über Semantik und erklärt ihr: „Wenn ich ein Wort verwende, dann bedeutet es genau, was ich es bedeuten lasse, und nichts anderes.“ Beim Lesen von Finnegans Wake habe ich mich mehrmals gefragt, ob Joyce diesen Spruch nicht beim Arbeiten am Manuskript über seinem Schreibtisch hängen hatte. Denn der Autor erweist sich hier selbst als Humpty Dumpty: Worte, Sinneinheiten und ganze Sätze – nichts ist vor ihm sicher. Der Text ist derart gespickt mit Wortspielen, Verdrehungen, Homonym-Vertauschungen, Assoziationen und Abstraktionen, dass es eine wahre Freude ist – in erster Linie natürlich vor allem für den Autor selbst. (Seine Frau Nora hat Joyce, während er am Manuskript zu Finnegans Wake saß, immer wieder laut auflachen hören.) Für mich als Leser hieß es hingegen, einen Mittelweg zu finden, damit meine Lesefreude nicht von der puren Fülle von Sinnzusammenhängen erstickt wird. Auf weiten Teilen ist mir das einigermaßen gut gelungen… Lohnt es sich also, Finnegans Wake zu lesen? Auf alle Fälle sollte man es nicht eilig haben. Bei verwirrenden Passagen empfiehlt es sich, sie sich selbst laut vorzulesen, da Joyce den Sinn oft über den Klang seiner Worte transportiert. Und es hilft, Nachsicht gegenüber dem überbordenden Erfindungsreichtum des Autors zu üben, der mit seinen Wortspielen wohl über so ziemlich alle Stränge geschlagen hat, die man sich nur vorstellen kann. Wenn man sich aber auf die literarische Irrfahrt einlässt, die Finnegans Wake fraglos darstellt, und die getragen wird von scharfsinnigem Humor, von Begehren und Sehnsucht, und von einem liebevollen Blick auf unsere allzumenschlichen Unzulänglichkeiten, dann, so sage ich jetzt, nachdem ich mit dem Buch fertig bin, kann man sich auf ein wirklich und im Wortsinn einzigartiges Leseerlebnis gefasst machen. Auf seiner Deutschlandreise 1928 machte der amerikanische Schriftsteller Thomas Wolfe eine geführte Bustour durch Frankfurt. Durch puren Zufall stieg er in denselben Bus, in dem auch James Joyce saß. In einem wunderbaren Brief an seine Schwester schildert Wolfe, wie Joyce im Kaisersaal plötzlich damit begann, in den Filzpantoffeln, die sie alle am Eingang hatten überziehen müssen, selbstversunken über den blankpolierten Parkettboden zu schlittern, in langen, grazilen Schlittschuh-Bewegungen. So stelle ich mir Joyce gerne vor: um sich selbst kreisend, dabei aber durch und durch gewitzt, unangepasst und mit einem erstaunlich präzisen Blick fürs Detail. Und am Ende ist das, was mich wohl am meisten an Finnegans Wake beeindruckt, eine ganz spezielle Grundhaltung des Autors. Es ist dieselbe, die mich auch seinen Ulysses (1920) schlussendlich (und nach vielen Anläufen) hat tief ins Herz schließen lassen, und die keiner so gut auf den Punkt gebracht hat wie der britische Schriftsteller Anthony Burgess: Wenn wir Joyce „gelesen und auch nur ein Jota von seiner Substanz aufgenommen haben, kann weder die Literatur noch das Leben jemals wieder ganz so sein wie zuvor. Wir werden eine verwirrende Freude am Alltäglichen finden, die meistbesudelte Stadt als ein Diagramm des Himmels ansehen und uns gegen alle übermächtigen Widerstände einen kaum haltbaren Optimismus leisten.“ Lektüretipp: Wer des Englischen nicht mächtig ist, steht mit Blick auf Finnegans Wake vor einem Problem, da eine Übersetzung dieser bis zum Übermaß mit Sinn gefüllten Sprache eine ganz eigene, möglicherweise letztlich unbewältigbare Herausforderung darstellt. Eine wunderbare Möglichkeit für den deutschen Leser, sich Joyces letztem Roman anzunähern, ist das bei Suhrkamp erschienene Bändchen Anna Livia Plurabelle. Es enthält das vielleicht schönste Kapitel aus Finnegans Wake im englischen Original sowie in drei deutschen Übersetzungen. Außerdem gibt’s darin noch eine überaus hilf- und aufschlussreiche Einführung von Klaus Reichert, der auch ich viel zu verdanken habe.