Write What You Know?

Write What You Know?

Oder
Warum wir über das schreiben sollten, was wir kennen, was aber etwas ganz anderes bedeutet, als damit gemeint ist…

Von Catarina Da Silva und Moritz Hildt

Es gibt einige Schreib-Ratschläge, die so weit verbreitet sind, dass sie fast schon als „Klassiker“ im Werkzeugkasten von Schreibenden gelten können. Ein gutes Beispiel dafür ist die Forderung Show, don’t tell, die vermutlich fast jede und jeder schon mal gehört hat. Gemeint ist damit, dass eine Figur sehr viel lebendiger wirkt, wenn die Erzählstimme nicht einfach sagt, wie sich die Figur fühlt (das wäre „tell“, also beschreiben), sondern es durch ihre (körperlichen, kommunikativen, gedanklichen) Reaktionen zeigt („show“).

Ein weiterer Evergreen unter den Schreib-Ratschlägen ist derjenige, um den es hier gehen soll: Write what you know, auf Deutsch: Schreibe über das, was du kennst. Diese Anweisung wird besonders gern denjenigen gegeben, die noch am Anfang ihres Abenteuers stehen und also wenig oder gar keine Erfahrung im fiktionalen Schreiben haben. Aber trotz seiner Popularität ist auch dieser Ratschlag zurecht nicht unumstritten. Der britisch-japanische Schriftsteller Kazuo Ishiguro ließ beispielsweise in einem Interview vor ein paar Jahren kein gutes Haar daran: Write what you know, so Ishiguro, sei „the most stupid thing I’ve heard. It encourages people to write a dull autobiography. It’s the reverse of firing the imagination and potential of writers.“

Also: Nehmen wir diesen Ratschlag mal unter die Lupe: Was ist eigentlich genau damit gemeint? Welche Potentiale hat dieser Ratschlag, welche Rolle spielt die Vorstellungskraft eines Schreibenden, von der Ishiguro spricht? Und wo liegen seine Grenzen?

Die Grundidee

Die Idee hinter Schreibe über das, was du kennst, scheint auf den ersten Blick einleuchtend und nicht arg kompliziert zu sein: Fiktionale Geschichten leben sowohl von den eigenen Erfahrungen, als auch von Fantasie – aber insbesondere von der Beschreibung: Details, Gesten und die Art und Weise, wie sich Menschen verhalten, wie sie sprechen, sich kleiden und leben, sind der Stoff, mit dem wir Schreibenden unsere Figuren im Kopf der Leserinnen und Leser zum Leben erwecken und unsere Orte mit Atmosphäre füllen. Und eine der reichsten Quellen, über die wir in dieser Hinsicht verfügen, ist natürlich: unsere eigene Erfahrung.

Welche Potentiale hat Write what you know?

Diese eigene Erfahrung beginnt bei grundlegenden Dingen wie dem eigenen Alter, Geschlecht oder der Herkunft. Wenn die Autorin beispielsweise selbst eine Frau Anfang Dreißig ist, die in Deutschland geboren und aufgewachsen ist, dann hat sie genau damit schon eine ganze Menge an Ausgangsmaterial, das sie sich für eine plausible und vielschichtige literarische Figur zunutze machen kann. Aber dieser Material-Schatz, den uns unsere eigene Erfahrung liefert, reicht natürlich noch viel weiter: Berufe, Hobbys, Orte, Erlebnisse, Erkenntnisse – all das, was uns formt und zu der Person macht, die wir sind, können wir verwenden. Das ist das Material, das wir, im Sinne von Write what you know, „kennen“.

Um Ishiguro noch einmal aufzugreifen: Bekanntes und Erlebtes literarisch zu verarbeiten, bedeutet kein reines Wiedergeben von Geschehnissen und vertrauten Emotionen – außer es handelt sich tatsächlich um eine Autobiographie. Stattdessen fungieren sowohl Erfahrung als auch Fantasie als Grundlagen des fiktionalen Schreibens. Unser Potential liegt also insbesondere in unserer Vorstellungskraft, ergänzt durch die Ressourcen, die unsere eigene Erfahrung bietet.

Was gibt es nun also zu beachten, wenn unser fiktionales Schreiben nicht durch unsere eigene Erfahrung limitiert ist, sondern mit unserer Vorstellungskraft wächst? Ein Grundsatz des fiktionalen Schreibens, an dem tatsächlich nicht zu rütteln ist, lautet:

Die Geschehnisse eines Romans müssen zwar nicht wahr sein, aber sie müssen stets wahr sein können. Das heißt nichts anderes als dass unsere Erzählung plausibel sein muss. Damit eine Erzählung plausibel ist, muss die Kausalität der Ereignisse und das Verhalten sinnvoll, sowie die Reaktionen der Figuren nachvollziehbar sein können, selbst wenn sie nicht auf Sympathie treffen. Auf diese Art entstehen für Lesende authentische Figuren und reale Handlungen in dem Sinne, dass sie – selbst, wenn es um Drachen geht – wahr sein könnten.

Und das bedeutet wiederum, dass wir als Schreibende Fehler machen können. Wenn unsere Hauptfigur beispielsweise nach Osten aufbricht, dann kann sie nicht in die untergehende Sonne reiten. (Einzige Ausnahme: Wir befinden uns auf einem anderen Planeten, der z.B. über zwei Sonnen verfügt. Aber dann muss auch das entsprechend eingeführt sein.) Ein weiteres Beispiel sind Berufe: zu Berufen gehören nämlich nicht nur bestimmte Tätigkeiten, sondern – das wissen wir aus der wirklichen Welt gut genug – häufig auch gewisse Marotten, Eigenarten oder sogar Lebenseinstellungen. Und diese sollten wir kennen, um plausible, runde und komplexe Figuren zu schreiben. (Dies bedeutet nicht, dass wir Klischees nicht brechen dürfen – aber wir müssen diese Klischees erst kennen, bevor wir sie brechen können.)

Kurz gesagt: Wir sollten beim Schreiben wissen, worüber wir schreiben. Und hierfür kann uns Write what you know eine gute Orientierung liefern.

Fazit

Als Schreibende sind unsere  Erfahrungen also nicht die einzigen Ressourcen, die wir uns zunutze machen können. (Sonst wäre Stephen King entweder nie berühmt geworden oder säße schon lang im Gefängnis.) Mindestens ebenso wichtig sind für uns die Fantasie und Vorstellungskraft, das Einfühlungsvermögen und, ganz allgemein, die Kreativität, mit der wir all das auf die uns ganz eigene Weise verbinden. Die Science Fiction- und Fantasy-Autorin Ursula K. LeGuin hat genau diesen Punkt mal in die wunderbare Formel gebracht: „Write what you know, but remember you might know dragons“.

Write what you know ist ein toller Ratschlag, um uns beim Schreiben auf das zu besinnen, worüber wir als Material immer schon verfügen: den immensen Reichtum unserer eigenen Erfahrungen. Aber da wir, vor allem auch als Schreibende, weit mehr sind als nur unsere eigene Erfahrung, wäre es falsch, diesen Ratschlag als eine Beschränkung zu lesen.

Und noch in einer weiteren Weise kann er uns als Wegweiser dienen: Denn in dem, was wir kennen, steckt immer auch das, was uns interessiert: unsere Neugier und unsere eigenen ungelösten Fragen. Auch auf diese Spur kann uns Write what you know bringen. Und möglicherweise tun wir dann damit genau das, was die US-amerikanische Autorin Eudora Welty einmal vorgeschlagen hat: „Write what you don’t know about what you know“.

 

Unsere Autor*innenstimmen:

Birgit Rabisch © Foto: Bernd Hans Martens
Birgit Rabisch © Foto: Bernd Hans Martens

Wenn ich an die zwölf Romane zurückdenke, die ich veröffentlicht habe, dann habe ich diesen Rat unbewusst sicher beherzigt. Ich habe Figuren geschaffen, die ähnliche Erfahrungen wie ich machen, aus demselben Milieu stammen, sich mit mir bekannten Problemen herumschlagen. Aber ich würde noch ergänzen: Write what you want to know. Ich habe mich auch von meinem Erkenntnisinteresse leiten lassen, habe zu Phänomenen recherchiert, die mich bewegt haben (bei mir: ethische Fragen der Gentechnologie; Frauen in der Naturwissenschaft, Entwicklung der Atombombe, Schwarze Reichwehr in der Weimarer Republik) und habe dann versucht, aus der Stofffülle spannende Plots und lebendige Figuren zu entwickeln. Birgit Rabisch, Autorin. https://www.birgitrabisch.de/

Catarina Da Silva © Foto: privat
Catarina Da Silva © Foto: privat

Meine Geschichten haben sich schon immer von meiner Fantasie genährt und meine Fantasie spinnt wiederum ganz natürlich das mir aus dem Leben Bekannte weiter. Insbesondere für meine Fantasy-Romane mit ihren eigenen Welten spielt meine Empathie und Vorstellungskraft eine entscheidende Rolle. Doch auch in sie fließen Erfahrungen und Vertrautes ein. Diese reichen von mir vertrauten großen, menschlichen Emotionen hin zu den kleinsten Konflikten oder Verhaltensweisen, die ich in meiner direkten Umgebung beobachten kann. Ich würde sogar behaupten, reflektierend und erforschend über das zu schreiben, was ich aus der Realität kenne, geschieht unausweichlich und manchmal schafft es der daraus entstehende fiktionale Text, mich zu überraschen. Catarina Vieira da Silva, Autorin und ehemalige Teilnehmerin des Jungen Schriftstellerhauses. @catarinareads_

 

Text: Catarina Da Silva und Moritz Hildt

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