Das junge Schriftstellerhaus

Selina Wagner: „Leeres Blatt Papier“

Selina Wagner © Jan Münster

Leeres Blatt Papier

Ich sitze hier.
Ich zähle die Sterne.
Eins. Zwei. Drei.
Sechshundertzweiundsiebzig. Sechshundertdreiundsiebzig. Sechshundertvierundsiebzig.
Die Treppe knarzt. Laut.
Fluchen. Meine Schwester ist nach Hause gekommen. Spät.
Eine Tür öffnet sich. Lichtschalter. Mein Vater.
Diese Diskussion kenne ich. Ich höre weg.
Siebenhundertneunundachtzig. Siebenhundertneunzig. Siebenhunderteinundneunzig.
War das eine Sternschnuppe?
Ich habe einen Wunsch frei. Ich weiß, was ich mir wünschen will. Aber Wünsche gehen nicht in Erfüllung. Ich bin nicht mehr zehn. Nicht mehr elf. Nicht mehr zwölf. Es ist lange her.
Zu lange.
Nicht lange genug.
Es klopft an meiner Tür. Meine Schwester.
„Komm rein.“ Bleib draußen.
„Was machst du?“
„Nichts Besonderes.“ Geht dich nichts an. „Was willst du?“
Sie ist noch geschminkt, aber nur noch auf einem Auge. Unter dem anderen liegt der Nachthimmel, den ich beobachtet habe. Seine Sterne funkeln nicht. Nicht seit damals.
„Nur gucken.“
Allein steht sie in dem Raum, der mein Kinderzimmer war. Verlagert das Gewicht vom linken aufs rechte und vom rechten aufs linke Bein.
Ihr Kleid ist kurz. Nicht nur für diese Jahreszeit.
„Ich hätte nicht gedacht, dass du noch wach bist.“
„Nur weil ich nicht auf Partys gehe, heißt das nicht, dass ich nichts Besseres zu tun habe.“ Das kam schärfer als beabsichtigt. Ich ergänze nichts.
„Oh, ja, tut mir leid.“ Ihre Wangen glühen. Vom Alkohol und der Kälte. Meiner.
„Wenn du nichts willst, kannst du ja wieder gehen. Ich muss noch arbeiten.“ Bitte bleib.
„´kay.“
Tür auf. Tür zu. Tür zu.
Nägel graben sich tief in meine Haut. Aber es hört nicht auf.
Ratsch! Ich zerreiße die Taschentuchpackung. Ich zerreiße die Taschentücher. Ich will sie nicht brauchen.
Ich nehme eins.
Dreitausendundvier. Dreitausendundfünf. Dreitausendundsechs.
Ein Stift liegt vor mir. Ich rühre ihn nicht an.
Es knallt. Ich zucke nicht zusammen. Drehe mich um. Ein Buch ist aus dem Regal gefallen.
Harry Potter. Ich habe es lange nicht gelesen. Nostalgie erfüllt mich. Flutet mich. Vernebelt mir den Kopf.
Eine Frau, sie geht Hand in Hand mit mir.
Eine Frau, sie umarmt mich.
Eine Frau, sie gibt mir einen Kuss auf die Stirn. „Du musst jetzt ganz stark sein.“
Eine Frau. Ich stehe an ihrem Grab.
Ratsch! Ratsch! Ratsch!
Ich lasse das Buch unberührt. Lasse alles unberührt.
Verdrängung. Verleumdung. Freiheit.
Fenster.
Zehntausenddreihundertzweiundsiebzig. Zehntausenddreihundertdreiundsiebzig. Zehntausenddreihundertvierundsiebzig.
Jemand schaut durch die Scheibe. Schaut mich ganz genau an. Starrt mich an. Stiert mich an. Spioniert mich aus. Schimmert in meinen Augen, reflektiert im Schein des Lichts.
Gesicht, so weiß wie Schnee. Augen, so rot wie Blut. Augenringe, so schwarz wie Ebenholz.
Ich mag sie nicht, die Person, die mich ansieht. Niemand blickt gern in den Spiegel. Die Wahrheit tut weh.
Ich öffne das Fenster. Vereiste Nachtluft fährt mir ins Gesicht. Für einen Moment kann ich nicht atmen.
Ihr Grab. Mein Grab. Tod.
Die Sekunde ist vorbei, der kalte Wind peitscht mir Klarheit in die Gedanken.
Zwölftausendzweihundertachtundvierzig. Zwölftausendzweihundertneunundvierzig. Zwölftausendzweihundertfünfzig.
Schritte. Schnelle. Schlafzimmertür. Badezimmertür. Flüssigkeit trifft auf Keramik. Würgen. Husten. Das Surren einer elektrischen Zahnbürste. Dieses Mal kommt sie nicht zu mir.
Neunzehntausendfünfhundertzweiundzwanzig.
Neunzehntausendfünfhundertdreiundzwanzig.
Neunzehntausendfünfhundertvierundzwanzig.
Die Dunkelheit hat sich wie eine Schlange um mich gewunden, hat sich über Mund und Nase gelegt, hat mich tief in ihrem Würgegriff. Die Sterne reißen Löcher in ihren Mantel, doch das Licht dringt nicht zu mir durch.
Irgendwann kommt immer die Erlösung. Lilarotorange breitet sich das Blut meines Feindes am Himmel aus. Die Dämmerung wurde eingeläutet.
Und ich sitze hier, vor meinem leeren Blatt Papier.

Selina Wagner.2020

Gefördert vom Kulturamt der Landeshauptstadt Stuttgart